Es ist feucht und kühl hier draußen. Und heute morgen hing dicker Nebel zwischen den Häusern. Ja, ist denn schon Herbst? Ist doch erst Juni. Sommer, wo bleibst du?
Die Wäsche wartet fertig gewaschen in der Waschmaschine. Wartet darauf, aufgehängt zu werden. Ich bin noch mit mir am Hadern, ob ich sie auf den Balkonständer, oder besser sofort im warmen Keller aufhängen soll, falls sich nämlich die Sonne heute nicht zeigt, ist es zu feucht draußen, die Wäsche würde nicht trocknen und dann müsste ich sie später abhängen und eh in den Keller bringen. Hmmh… Warum bin ich nur immer so uentschlossen, selbst in den kleinen Dingen des Alltags. Seufz.
Seltsam, wie viele Vögel sich heute hier tummeln! Wenn, kalendarisch gesehen, nicht Sommerzeit wäre, käme ich auf den Gedanken, sie würden sich sammeln, um in den Süden zu ziehen. Aber das kann ja nicht sein, ist doch noch viel zu früh.
Und wie fröhlich sie zwischen den Häusern rumsegeln! Scheinbar haben sie Spaß. Hier und da läßt sich einer auf dem Dachfirst oder einem Giebel nieder, blickt erhaben umher, ein dicker, schwarzer Vogel ist dabei, könnte ein Rabe sein. Ansonsten nur Spatzen, die aufgeregt schwatzen… Grins. Reimt sich…
Es macht Spaß, ihnen zuzuhören. Das reinste Vogelkonzert!
Hin und wieder scheint mir, als ob sie mich ansehen, mich beobachten, ihr Geschwatze was mit mir zu tun hätte. Aber, was könnten sie mir sagen wollen?
- Mich warnen, vielleicht. Mich darauf hinweisen, dass es nicht gesund ist, bei dem kühlen Wetter mit nassen Haaren, T-Shirt und Bermudas, ohne Socken, in offenen Schuhen auf dem kalten, feuchten Balkon rumzustehen. Vielleicht. Vielleicht ereifern sie sich darüber, wie man nur so unvernünftig sein kann, sich freiwillig eine Erkältung zu holen.
Aber ich geh doch gleich wieder rein! , rufe ich ihnen in Gedanken zu, ich rauche nur schnell mein Zigarettchen, dann verschwinde ich wieder, husch, ab ins warme Zimmer.
Rauchen ist auch unvernünftig. Ja, ich weiß. Aber es sind nun mal die unvernünftigen Dinge, die am meisten Spaß machen im Leben.
Und wenn ich so zurückdenke, dann hab ich es größtenteils meiner Unvernunft und meiner Spontanität zu verdanken, dass ich im Leben vorangekommen bin. Vernünftiges Handeln hat mich, tatsächlich, überwiegend nur in Sackgassen geführt…
… ich soll die Absage `nicht als Abwertung meiner Person oder meiner fachlichen Qualifaktion´ sehen… (ja, als was denn sonst?) … Man wünscht mir für meinen weiteren Berufsweg alles Gute und viel Erfolg. … Nun ja, zumindest hat die Dame mir schnell auf meine Bewerbung geantwortet, innerhalb weniger Tage, das rechne ich ihr hoch an. Sie hat mich nicht in der Warteschleife hängen lassen, Wochen, Monate, wie all die anderen.
- Tja, dahin hat mich meine Vernunft gebracht: in die Warteschleife. Nix bewegt sich. Verharren. Erstarren.
- Weil ich so vernünftig war, mich intensiv um einen festen Arbeitsplatz zu bemühen, Tag für Tag stundenlang die Jobbörsen abklapperte, Bewerbungen schrieb, bis mir die Augen brannten, bis ich mich erschöpft und ausgepumpt fühlte. Ja, dahin hat mich meine Vernunft gebracht.
Mir ist kalt. Ich drücke meine Zigarette im Aschenbecher aus. Langsam, ganz ohne Hetze.
Und beschließe spontan, heute mal einen unvernünftigen Tag einzulegen.
Mich raus aus dem Trott zu heben.
Keine Jobbörsen abklappern, keine Bewerbungen schreiben, nein, nix mit vernünftig die Zeit nutzen, heute.
Sondern unvernünftigerweise dem Arbeitsmarkt den Rücken kehren. Für heute. Vielleicht morgen auch noch. Vielleicht die ganze Woche. Vielleicht auch noch länger. Vielleicht für immer? …
Ich hab noch zwei Geschichten auf dem PC gebunkert, vor Monaten begonnen, dann abgebrochen. Jetzt hab ich Lust, daran weiterzuschreiben. Und mein kleiner Roman freut sich bestimmt auch, wenn ich bißchen mehr Zeit mit ihm verbringe.
Ich schließe die Balkontür, ziehe mich ins warme Wohnzimmer zurück. Freue mich darauf, unvernünftig meine Zeit zu verbringen, Stunden, Tage, Wochen ….
mal schau´n, wie lange ich es durchhalte, der Vernunft den Riegel vorzuschieben. Mein Wille ist stark. Und wo ein Wille, da ein Weg.