November 2008
Monatsarchiv
Johann feiert Advent
Bis zum letzten Jahr hatte er noch selbst Plätzchen gebacken. Doch durch das Rheuma in seinen Fingern war das Kneten des Teigs und auch das Hantieren mit den kleinen Gebäckteilchen für Johann so beschwerlich gewesen, dass er, nachdem alles fertig und die Küche wieder blank und sauber war, völlig erschöpft auf seinem Ohrensessel eingeschlafen und erst am späten Abend wieder aufgewacht war. Darum hatte er beschlossen, das voradventliche Back-Ritual aufzugeben. Es hatte ihm sowieso keinen rechten Spaß mehr gemacht, ihn eher wehmütig werden lassen, weil er alleine backen musste, seit seine Emma vor vier Jahren zu den Engeln gegangen war.
Nun hatte er das Spritzgebäck bei Bäcker Karl gekauft. Emma würde es ihm verzeihen, dessen war er sich gewiss.
Vorsichtig entleerte er die zwei Tütchen in die weihnachtliche Gebäckdose, drückte vorsorglich den Deckel drauf und stellte sie auf den Wohnzimmertisch, auf das Spitzendeckchen, auf das seine Emma vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren geschickten Händen vier kleine Tannenzweige - jeweils verziert mit einem Tannenzapfen und einer Kerze - gestickt hatte.
So, der erste Schritt war geschafft. Ein Blick aus dem Fenster in das ungemütliche Nieselwetter erfüllte Johann nicht gerade mit Vorfreude auf seinen bevorstehenden Spaziergang. Aber es nützte nichts. Er musste raus. Zum Weihnachtsmarkt. Wo er - wie in jedem Jahr am Samstag vor dem ersten Adventsonntag - einen Adventkranz kaufen würde. So, wie er und Emma es über viele Jahre hin gemacht hatten. Erst würde er, wie immer, beim Pfarrgemeinderat vorbeischauen, der dort immer am Samstag vor dem ersten Advent an einem Stand kostenlosen Glühwein ausschenkte.
Johann hasste Glühwein. Er lag ihm immer so schwer im Magen und hinterließ einen so unangenehmen Geschmack im Mund. Aber Emma hatte immer gemeint, es `gehöre sich so´, dass man sich `zeigt´, wenn der Pfarrgemeinderat `so was´ macht. Und es gehöre sich so, dass man den Glühwein dankend annimmt und trinkt, auch wenn man ihn nicht mag. Ebenso gehöre es sich auch, ein bißchen mit den Leuten zu reden, die dort am Stand zusammenkamen. Und außerdem tue es einem auch gut, mal wieder `unter die Leut zu gehn´n ´. Womit seine Emma tatsächlich recht hatte. Trotz des ekligen Glühweins machte es Johann in jedem Jahr Spaß, mal wieder mit den Leuten zu plaudern, vor allem mit denjenigen, die sich übers Jahr meist in ihren eigenen vier Wänden einigelten - doch wenn der Pfarrgemeinderat was veranstaltete, dann kamen alle aus ihren Löchern. Pflichtschuldigst. Weil es sich so gehört, das man hingeht. Und hinterher ist man froh, dass man hingegangen ist und diesen und jenen mal wieder getroffen, nette Allerweltsgespräche geführt hat.
Plötzlich hatte Johann es sehr eilig. Schnell zupfte er das Spitzendeckcken noch ein bißchen anschaulicher zurecht, rückte die Gebäckdose zwei Finger breit weiter nach links, damit genug Platz war, um den Adventskranz daneben abstellen zu können, wenn er nach Hause kam.
Dann zog er seinen Wintermantel an, zog den Hut auf, steckte sich noch schnell eine Plastiktüte ein, in der er den Kranz gut transportieren würde können und verließ dann eilig das Haus, so als hätte er einen dringenden Termin. Und genau genommen, hatte er den ja auch.
Denn es war fast 16 Uhr. Und bestimmt waren Bäcker Karl und seine Martha schon am Stand. Und Wilhelm auch, sein früherer Klassenkamerad, der einzige, der, wie Johann, noch im Dorf lebte… von den wenigen, die überhaupt noch lebten, aus ihrer damaligen Schulkasse.
Die drei warteten sicherlich schon auf ihn. Denn im letzten Jahr hatten sie beschlossen, sich jedes Jahr zu diesem Anlass um 16 Uhr am Glühweinstand zu treffen, um den Adventbeginn zu feiern, denn man wisse ja nie, wie oft es einem noch beschert sein würde. Immerhin waren sie alle vier schon weit über die siebzig.
Im letzten Jahr hatten sie sich dann so blendend unterhalten, dass Johann fast vergessen hatte, einen Adventskranz zu kaufen und als es ihm wieder einfiel, waren die schönsten Gestecke schon verkauft gewesen. Am besten, er würde sich dieses Jahr erst einen Kranz aussuchen und reservieren lassen, bevor er zum Glühweinstand ging. Ja, so würde er es machen. Bestimmt würde ihm Emma auch dazu raten, es so zu handhaben. Ja, so war es eine gute Lösung.
Zufrieden lächelnd über seinen guten Einfall marschierte Johann forschen Schrittes durch den Nieselregen, der ihm die aufkommende Vorfreude nicht nehmen konnte… und die ihm auch der bevorstehende eklige Glühwein nicht nehmen konnte, den Johann selbstverständlich wieder dankend annehmen und trinken würde, weil es sich so gehörte. - Er würde später eine Magentablette nehmen, die lag schon in der Küche auf der Anrichte bereit.
Morgen war der erste Adventssonntag. Und heute würde er mit anderen zusammen die kommende Adventszeit willkommen heißen. Er freute sich auf das angeregte Geplauder, freute sich ebenso, dass er noch unter den Lebenden weilte und auch in diesem Jahr wieder daran teilhaben konnte. `Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …´ murmelte er vergnügt vor sich hin. Und als der Weihnachtsmarkt vor ihm lag, ließ er die festliche Beleuchtung freudig in sein Herz hinein.
Zitate/"Weisheiten"13 Nov 2008 12:41 pm
Zu mancher
richtigen Entscheidung
kam es nur,
weil der Weg
zur falschen
gerade nicht frei war.
(Hans Krailsheimer)
Weg-Gedanken
Manchmal scheint mir, das Leben wäre eine einzige Kreuzung. Kaum hab ich mich für einen Weg entschieden, gehe die ersten Schritte darauf, dann tut sich schon die nächste Weg-Gabelung auf. Wieder ist eine Entscheidung gefragt, die Frage, möchte ich mich strikt auf meine gewählte Hauptstraße konzentrieren - oder will ich nebenher auch Nebenwege beschreiten, die mich kurzzeitig von der Hauptstraße abbringen? Und über all dem die erdrückende Frage: Wo verläuft eigentlich mein Hauptweg? Ist es der, den ich vor kurzem neu eingeschlagen habe, auf dem ich nun gehe, oder war es der, den ich verlassen habe …?
Seit einer Woche steht mein Leben auf dem Kopf. Obwohl ich bisher nur dreizehn Stunden in meinem neuen Job gearbeitet habe, fühle ich mich überanstengt. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich völlig platt. Nix geht mehr. Nur noch ab aufs Sofa, hinlegen, ausruhen, noch nicht mal zum Lesen kann ich mich aufraffen und auch der PC kann mich nicht locken. Ich spüre sehr intensiv, wie sich in mir etwas verändert. Mein neuer `Hauptweg´ macht mir Spaß, auch wenn die Schritte darauf noch schwer und anstrengend sind.
Einerseits fehlt mir zwar das Schreiben, und ich werfe ab und zu sehnsüchtige Blicke von meinem `Hauptweg des Brötchenverdienens´ hinüber zum `freizeitlichen Nebenweg´, der mich zum Lesen und Schreiben in den Blogs einlädt - andererseits ist mir, als hätte ich mich in kürzester Zeit meilenweit vom Schreiben entfernt, so sehr, dass ich, tatsächlich, kaum noch das Bedürfnis zum Schreiben verspüre und wenn, dann währt die Schreiblust nur kurz. Eine seltsame Erfahrung für mich, zu erfahren, wie schnell ich die Richtung wechseln kann, ohne mit der Wimper zu zucken. Es erstaunt mich und macht mir Angst.
Jahrelang war das Schreiben und alles, was damit zusammenhängt meine Haupttätigkeit, mein Hauptweg, doch binnen einer Woche degradiere ich all die Jahre kompromisslos zum Nebenweg. Was ich bin ich nur für ein Mensch? - Vielleicht einer, der dabei ist, sich neu zu entdecken, sich neu `zu erfinden´, sich jetzt neu kennenlernt, wo er die eingefahrenen Gleise verlassen hat?
Heute hab ich frei, brauche nicht zur Arbeit. Und mein erster Weg führte heute Morgen erstmals wieder nach dem Frühstück, in alter Manier, zum PC. Nun sitze ich hier und haue in die Tasten.
Lustvoll.
Und voller Freude darüber, wie Gedanken zu Worten werden, aus Worten Sätze entstehen, sich ein Text entwickelt.
Heute ist das Schreiben mein `Hauptweg´ und die Verdien-Arbeit weit entfernt, auf einem Nebenweg. …
Vielleicht ist der Hauptweg des Lebens kein bestimmter Weg, sondern immer der, auf dem wir uns gerade befinden, der, auf dem unser Leben stattfindet, einerlei ob auf der Arbeit oder vorm PC oder beim Erledigen der Hausarbeit, oder Entspannen auf dem Sofa, oder beim Besuch auf dem Sportplatz, um Fräulein Tochter beim Fussballspiel zuzusehen, oder beim Aller-Welts-Gespräche führen mit dem Sohnemann und …
vielleicht gibt es in Wahrheit gar keine Haupt- oder Nebenwege im Leben, auch keine Kreuzungen, sondern es gibt nur einen einzigen, “den” Weg, den auf dem wir leben, einerlei wo, mit wem, warum und wann.
Das Leben, ist der Weg.
Ja, mit dieser Sicht der Dinge kann ich gut leben.
Kolumne and Sachtexte05 Nov 2008 11:30 am
Amerika schreibt Geschichte
Heute Nacht hat Amerika gewählt. Und sich mit deutlicher Mehrheit für Barack Obama als zukünftigen, den vierundvierzigsten, Präsidenten der Vereinigten Staaten entschieden. Eine Wahl, die prägnant in Amerikas Geschichte eingehen wird, denn mit Obama wurde erstmals ein schwarzhäutiger Mensch zum Staatsoberhaupt der USA gewählt.
Ich bin kein politisch engagierter Mensch. In der Regel lege ich derart aktuelle Meldungen der Welt-Politik mit einem “Das ist jetzt so”-Häkchen in meiner Hirn-Datenbank ab und wende mich wieder eigenen Dingen zu. Denn wer auch immer außerhalb Deutschlands, irgendwo in der Welt zum Präsidenten gewählt wird, den muss ich als solchen akzeptieren, ich habe keinerlei Mitbestimmungsrecht, nehme es so, wie es ist.
Doch diese Präsidentschaftswahl regt mich zum Nachdenken an. Aus welchem Blickwinkel ist der grandiose Erfolg des Barock Obama zu sehen? Erfolgreich, weil er die Wahl gewonnen hat … obwohl … er schwarzhäutig ist? Oder hat er gewonnen … weil … er die Option hatte, der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Oder spielte seine Hautfarbe keinerlei Rolle und er wurde gewählt, weil er mit seinen Zielen den Menschen glaubwürdige Hoffnung auf eine positive Zukunft geben konnte, glaubwürdiger als sein Konkurrent?
Ich selbst kann diesen Mann, für mich, noch nicht recht einordnen. Ich stehe ihm bisher eher distanziert gegenüber. Sein Besuch in Deutschland vor einigen Monaten, als damals noch mutmaßlicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl - er löste in mir sehr zwiespältige Gefühle aus.
Doch ich gebe zu, die aktuellen Fernseh-Bilder zum Ausgang der Wahl in Amerika berühren mich sehr… Bilder voller Emotionen, Tränen der Freude, Augen voller “Alles-wird-gut” - Hoffnung… Die Szenen erinnern mich an unsere eigene, deutsche Geschichte. An den Mauerfall. An die Vereinigung Deutschlands…
“Barack” - den Vornamen des neuen amerikanischen Präsidenten verbinde ich spontan mit dem aus dem Französischen stammenden Wort “Baracke”, hierzulande noch immer eine Bezeichnung für eine einfache, meist eingeschössige Behausung, ohne viel Komfort, aber ein schützendes “Dach über´m Kopf” .
… Vielleicht schafft es Barack Obama ja dem Ursprung seines Vornamens in seiner Bedeutung gerecht zu werden und die Vereinigten Staaten von Amerika wieder mehr in sich zu vereinen, den Menschen dort ein sicheres, vereintes Dach über dem Kopf zu bauen …
Von mir dazu:
“Good luck, Mr. President.
Good luck, Barack Obama.” 