November 2007
Monatsarchiv
Der Hase Felix
“Das wird ja immer doller hier! Jetzt lassen die ihre Kleidung schon achtlos auf der Straße liegen!” wetterte Herr Massmann. “Die haben Geld zuviel! Genau, was ich immer sage. Vater Staat bezahlt denen ja brav alles. Die wissen das nicht zu schätzen. Wo soll das noch alles hinführen?” Er schüttelte mißbilligend den Kopf.
“Vielleicht war auch Altkleider-Sammlung und die Sachen sind aus einem Sack gefallen?” gab seine Frau zu bedenken und nahm die Kleidungsstücke auf dem Bürgersteig eingehender in Augenschein.
“Ach, was. Heute war keine Sammlung! Das Zeug ist von irgendwelchen Asis, sag ich dir.”
“Ach, Bertram. Nun sei doch nicht immer gleich so voreingenommen! Guck mal, da liegt auch ein Stofftier dabei.”
“Dann guck mal genauer hin, dann siehst du, dass dem Hasen ein Bein fehlt. Der war denen nicht mehr gut genug, als Spielzeug, genau wie die Kleidersachen, die waren wohl auch nicht mehr fein genug. Das Zeug wird dann einfach auf die Straße geknallt. Und dann sind die fertig damit… Asi-Pack!”
“Bertram! Jetzt ist aber gut!”
“Das waren bestimmt wieder so ne Mietnomaden!” gesellte sich die alte Frau Meier sensationslüstig zu ihnen. “Die ziehen bei Nacht und Nebel aus und verschwinden einfach, ohne ihre Miete zu bezahlen. Bestimmt waren das so welche, und in der Eile sind die Sachen dann aus einer Tüte gefallen. Die packen nämlich ihren nötigsten Kram in Tüten, die Möbel und alles andere lassen sie stehen und hauen dann einfach hab. Hab ich mal im Fernsehen gesehen.”
“Aber…” Frau Massmann sparte sich ihre Einwände und schüttelte nur noch resignierend den Kopf. “Komm jetzt, Bertram. Der Morgen ist bald rum. Ich hab noch zu tun.” Und packte ihren Mann energisch am Ärmel. “Tschüss, Frau Meier”, nickte sie der Alten verabschiedend zu.
Doch die hatte sich schon abgewandt und zeterte bereits mit Frau Gernhuber weiter, die gerade aufgetaucht war, scheinbar, um diesem Übel auf dem Bürgersteig ebenfalls einen Namen zu geben. “Das ist bestimmt von der Großfamilie, die da drüben in dem Haus wohnt!” brachte Frau Gernhuber neue Aspekte ins Spiel. “Die haben nämlich sieben Kinder, allesamt wild und verwahrlost, die Eltern saufen beide, bestimmt ist das was von denen!”
“Ja, genau, Asi-Pack! Sag ich doch”, rief Herr Massmann noch schnell über die Schulter, bevor er mit seiner Frau den Ort des Geschehens verlassen musste…
“Hier sind sie in Sicherheit, Frau Senner”. Die Sozialarbeiterin legte beruhigend die Hände auf die Schultern der zitternden jungen Frau. “Er wird es nicht wagen hier ins Frauenhaus zu kommen, um ihnen was anzutun. Außerdem weiß er gar nicht, dass sie hier sind.”
“Er wird uns finden! Er hat uns immer gefunden!”
“Es war richtig, dass sie mit ihrem Kind zu uns gekommen sind! Wir haben Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Und die Polizei ist schon informiert. Legen sie sich doch bitte jetzt hin und versuchen sie zur Ruhe zu kommen. Sehen sie, ihr kleiner Sohn ist ganz ruhig am Schlafen. Er wird das alles verkraften.” Lächelnd sah sie zu dem kleinen Jungen im Bett, der mit einem Finger im Mund eingeschlafen war.
“Er hat die ganze Nacht geweint”. Die junge Frau konnte kaum sprechen, so sehr zitterte sie noch immer am ganzen Leib. “Wir haben unterwegs sein Lieblings-Stofftier verloren, seinen Felix. Und ein paar Kleidungsstücke sind auch aus der Tüte gefallen, ich habe keine frische Hose für Nico und…”
“Nun beruhigen sie sich doch, Frau Senner. Machen sie sich keine Sorgen. Wir gehen nachher zur Kleiderkammer und suchen passende Kleidung für sie und ihren Sohn aus, so dass sie fürs erste versorgt sind. Versuchen sie jetzt zu schlafen, bitte.”
Jutta Senner strich ihrem Sohn zärtlich übers wirre Haar. Lauschte auf seine ruhigen Atemzüge. Wie sollte sie ihn trösten, wenn er wieder wach wurde? Kein neues Stofftier würde ihm das Verlorene ersetzen können.
Sie schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Mit den Bildern der letzten Nacht vor Augen, der Flucht vor ihrem aggressiven Ehemann.
… Sie sah einen einbeinigen Stoffhasen auf der Straße liegen. Irgendwo, auf irgendeiner Straße. Und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Allgemein27 Nov 2007 10:04 am
Das Maß ist voll !
Nein, ich möchte keine Penis-Verlängerung und brauche auch kein Viagra, denn ich bin weiblich. Ich bin auch nicht interessiert an “Sexy girls” , Muskeltraining oder Schönheitsoperationen. Ich möchte auch kein Auto kaufen oder mieten, nicht im Casino spielen und die zweiundfünfzig Links zu ausländischen Online-Apotheken, die ich heute Morgen im Weblog hatte, setzen nun wirklich allem die Krone auf!
Ebenso habe ich es schon lange satt, mich am Telefon mit Call-Center-Angestellten heruzmzuärgern, die mir ein “Fick dich doch selbst” und ähnlich Ausfallendes ins Ohr schreien, weil ich ihre Glücksspiel-Angebote schon nach den ersten zwei Sätzen mit einem “Nein, danke” ablehne.
Ich fühle mich drangsaliert, belästigt, in meiner Menschenwürde verletzt und schnaube vor Wut, weil ich diesen Machenschaften hilflos ausgesetzt bin, keine Möglichkeit habe sie zu stoppen.
Die Mails im Weblog und im Email-Postfach als Spam zu markieren nützt mittlerweile nichts mehr, sie kommen dennoch wieder. Die lästigen Anrufer eiskalt abzuwürgen und einfach den Hörer aufzulegen nützt ebenso wenig, denn die rufen trotzdem wieder an. Mittlerweile ist ihnen auch der Sonntag nicht mehr heilig.
Wann wird diesen Belästigungen endlich ein für alle mal ein Riegel vorgeschoben? Wann wird endlich ein Gesetz erlassen, dass uns vor diesem Drangsal schützt?
Ich bin all dies leid, ich hab es satt. Das Maß ist voll !!
Allgemein26 Nov 2007 09:57 am
Schon bald…
Zwischen weiß-grau winterlichen Wolkengebilden blinken hellblau leuchtende Fetzen freundlich zu mir herunter.
Nicht düster, aber auch nicht richtig hell zeigt sich mir der neue Tag. Zwielichtig, so als hätte er vor, sich heute weder für das eine, noch für das andere zu entscheiden.
Von gold-roten Farbstrichen sonnig durchzogen - wie liebevoll auf die Wolken drauf gemalt - grüßt er mich zwinkernd. Geheimnisvoll. Verheißend.
“Die Engel im Himmel backen Plätzchen”, so hat man mir als Kind dieses seltsam schöne Wolkenbild erklärt. Mir ist, als grüße mich aus der Vergangenheit meine eigene Kindheit.
Fröhliche Erwartung zieht ein, in meine Sinne, in mein Herz.
Ich rieche Tannenzweige, obwohl ich keine sehe. Ich höre Glöckchen lieblich läuten, noch nicht in meinen Ohren, aber schon in mir drin.
Weihnachten kommt. Bald…
Allgemein21 Nov 2007 03:37 pm
Wenn es nicht mehr “strömt”…
Es ist später Nachmittag. Ich schreibe gerade an einem Foren-Kommentar. Bin voll vertieft in meine Gedanken. - Und dann sehe ich plötzlich nur noch schwarz, höre ein kurzes …pfft. Stille. Mein Herzschlag setzt einen Moment aus.
Fassungslos starre ich auf den schwarzen Monitor. Die Angst schnürt mir die Kehle zu. PC kaputt? Ein Blick nach links zur Fritz!Box gibt mir nähere Auskunft, die grünen Lichter sind alle erloschen, also liegt es nicht am PC. Fazit: Stromausfall.
Mein Herzschlag setzt wieder ein.
Die Wohnung liegt in unheimliche Stille versunken. Wahrscheinlich ein Kurzschluss, folgere ich daraus. Bestimmt ist dieser Günstig-Mini-Trockner schuld daran, den ich mir vor kurzem zugelegt hatte.
Wie in Zeitlupe erhebe ich mich, mit der Erinnerung vor Augen, was mich vor einigen Monaten erwartet hatte, als sich meine Waschmaschine mit einem kurzen Knall verabschiedete. Weißer, Atem erstickender Rauch und Geruch von Verbranntem waren mir damals schon im Flur entgegen geschlagen und vermittelten mir das unheimliche Gefühl in einem Science Fiction Film gelandet zu sein.
Ich raffe all meinen Mut zusammen und öffne die Wohnzimmertür. Im Wohnflur ist alles normal. Kein beißender Qualm, kein ungewöhnlicher Geruch. Wie in Zeitlupe bewege ich mich zum Badezimmer. Öffne zaghaft die Tür einen Schlitz weit und luge hinein. Auch hier qualmt und stinkt nix. Alles ist still. Also habe ich den Mini-Tockner zu Unrecht angeklagt. `Sorry´, rufe ich ihm in Gedanken zu, `war nicht so gemeint, ich bin doch froh, dass ich dich hab. Auch wenn du ein Stromfresser bist.´
Ratlos suche ich den Sicherungskasten auf, um den Hauptschalter wieder einzudrücken, der vermutlich raus gesprungen ist. Im selben Moment höre ich aufgeregte Stimmen und wie sich die nachbarliche Wohnungstür öffnet. Aha. Wahrscheinlich ist der Stromausfall im ganzen Haus.
Ich geselle mich zu den Nachbarn auf den Flur. Ja, sie haben auch keinen Strom und bei ihnen ist der Hauptschalter nicht rausgesprungen, alles okay. Ein Blick in meinen Sicherungskasten sagt uns, dass auch hier jeder Hebel sitzt, wo er sitzen soll.
Meine Nachbarn können in Erfahrung bringen, dass auch das Mietshaus hinter uns ohne Strom ist, vermutlich sind sogar alle Häuser unserer Mietanlage davon betroffen. Und während wir noch beratschlagen, ob wir unseren Vermieter anrufen sollen - natürlich per Handy, denn unsere Telefone sind ohne “Saft” lahm gelegt - erfahren wir, dass die Häuser gegenüber auch ohne Strom sind. Und die gehören nicht zu unserer Mietanlage. Also ist unser Problem wohl ein allgemeines Problem und somit ein Fall fürs Elektrizitätswerk. Und das bedeutet: abwarten und `Tee trinken´. Wobei letzteres nicht möglich ist, denn ohne Strom funktioniert der Wasserkocher nicht und ohne heiß gekochtes Wasser - gibt es keinen Tee.
Ich gehe zurück in die Wohnung und knipse den Lichtschalter im Wohnzimmer ein, um nicht zu verpassen, wenn der Strom uns wieder mit seiner Anwesenheit beglückt. Dann setze ich mich aufs Sofa und schnappe mir ein Buch. Versuche zu lesen. Was sich als äußerst schwierig gestaltet, denn hier drinnen fängt es schon an düster zu werden. Ich zünde eine Kerze an, um mehr Licht zu haben. Aber der Kerzenschein erschwert mir das Lesen noch zusätzlich, die Kerze flackert leicht… Wie haben die Menschen das denn früher gemacht, als es noch keinen Strom gab? Wahrscheinlich sind sie bei Einbruch der Dunkelheit einfach ins Bett gegangen. Denn ohne Licht, geht nichts. Außer munkeln, im Dunkeln.
Obwohl die Heizkörper warm sind, ist mir seltsam kühl. So, als ob jemand einen Teil meiner “inneren Heizungsanlage” ausgestellt hätte. Ein kleines Stück in mir, dass wohl den “Strom von außen” braucht, um funktionieren zu können. Und nun lahm gelegt ist, nicht “durchströmt” wird. Erkaltet ist.
Ich setze mich mit meinem Buch ans Fenster. Hier ist noch Tageslicht. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Meine Gedanken schweifen ab. Spätestens in einer halben Stunde wird es auch hier am Fenster zu düster zum Lesen sein. Was dann? Ich frage mich, wie der Abend verläuft, wenn der Strom weg bleibt. Kein Fernseher, kein PC, nicht genug Licht zum Lesen. Ich müsste überall Teelichter verteilen, davon hab ich genug, beutelweise. Und dann setzen wir uns aufs Sofa und erzählen uns Geistergeschichten?…Hmhm..
Und wir haben noch nicht mal als Notbehelf eine funktionierende Taschenlampe im Hausrat, fällt mir siedend heiß ein.
Mir wird bewusst, wie selbstverständlich die ständige Stromzufuhr geworden ist. So selbstverständlich, dass das Leben still zu stehen scheint, wenn der Strom “von außen” ausfällt.
Ürplötzlich wird es hell im Zimmer. Die Lampe ist angegangen! Der Strom ist wieder da. Ich atme, wie befreit, auf. Wohlige Wärme durchströmt mich. Mein erster Gang führt mich zum PC. Ich sende ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, dann drücke ich den Knopf ein und …Gott sei gedankt. Der PC hat durch den Stromausfall keinen Schaden davon getragen.
Erleichtert setze ich mich nieder. Das leise Surren des Computers klingt wie liebliche Musik in meinen Ohren…
Allgemein16 Nov 2007 11:59 am
Seltsamkeiten
Es klingelt hektisch an der Tür. Ich erschrecke zutiefst. Wer will denn mitten in der Nacht was von mir? Mit bangem Gefühl in der Magengrube öffne ich die Wohnungstür und frage mich gleichzeitig, warum ich ohne zu zögern öffne, anstatt erst über die Haussprechanlage nachzufragen, wer um diese ungewöhnliche Zeit dringend was von mir will.
Zu spät. Kaum habe ich die Tür geöffnet stürmt eine Frau an mir vorbei. Sie trägt ein weißes Leinenkleid, knielang, darunter eine weiße Feinstrumpfhose und derbe, braune Schuhe. Über ihr Kleid hat sie eine hellrote Strickjacke an, ihre Augen sehen müde und verzweifelt an mir vorbei. Auf ihrem aschblonden, altbacken frisierten Haar steckt eine weiße Haube. Eine Krankenschwester? Seltsam. Was will die von mir?
Sie sagt kein Wort, sieht mich auch nicht an, sondern stürmt an mir vorbei. Instinkiv versuche ich sie aufzuhalten und stemme mich mit aller Kraft gegen sie. Aber es gelingt mir nicht, sie davon abzuhalten unsere Wohnung zu betreten. Dann erst wird mir klar: sie ist nicht an mir vorbei, sondern - durch mich hindurch gestürmt!
Der Schreck fährt mir in die Glieder. Mit sprachlos geöffnetem Mund und vor Entsetzen aufgerissenen Augen stehe ich wie gelähmt, bin unfähig mich zu bewegen. Ich spüre Panik von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln. Mein Mund formt den Namen meines Sohnes, ich will ihn warnen… zu Hilfe rufen… er soll seine Schwester beschützen. Ich versuche zu schreien, ihn zu rufen, doch kein Ton kommt aus meiner Kehle. - Was ist hier los?
Wie in Trance drehe ich meinen Kopf nach links. Und augenblicklich kehrt Ruhe in mir ein, die Panik ist von jetzt auf gleich völlig ausgelöscht. Die Frau ist nämlich nicht in die Wohnung gelaufen, sondern geradewegs auf den Abstellraum zu. Wie angewurzelt steht sie mit dem Rücken zu mir im Türrahmen und bewegt sich nicht. Die Tür der Abstellkammer ist sperangelweit geöffnet. Das ist sehr seltsam. Denn so weit lässt sie sich normalerweise nicht öffnen. Goldener Sonnenschein durchdringt den Raum, erhellt ihn so stark, dass nichts erkennbar ist von all dem Chaos, was sich dort zur Zeit, in Form von Altpapier, Kartons und Leergut türmt. Nicht von all dem ist zu sehen. Es ist einfach nur hell, unbeschreiblich hell und angenehm warm. Ist schon wieder Tag? Schon wieder Sommer? Ich bin verwirrt.
Dann bewegt sich die Frau. Und verschwindet in diesem goldflitternden Sonnenschein.
Ich werde wach. Mein Herz rast, wie nach einem überanstrengenden Lauf. Ich finde mich im Wohnzimmer wieder. Bin mal wieder auf dem Sofa eingeschlafen, wie so oft in den letzten Tagen. Im Fernseher läuft irgendeine Serie. Keine Ahnung welche. Das letzte, woran ich mich erinnere ist ein Schriftzug auf dem Bildschirm: “Prison Break, heute abend 23.10 Uhr”. Ich weiß nicht, wie spät es ist und habe auch keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Es ist mir auch egal.
Das Einzige, was mich interessiert ist dieser seltsame Traum. Ich bin zutiefst beunruhigt. Denn es kommt sehr selten vor, dass ich so tief träume, dass ich so gestochen scharf alles vor mir sehe und intensiv Gefühle durchlebe. Solche Träume haben bisher immer irgendwann einen Sinn ergeben.
Mir ist schwindlig. Und ich fühle mich fiebrig. Ist da schon wieder eine Erkältung im Anmarsch? In meiner rechten Ferse piekst und brutzelt es. Aha, mein “Zipperlein” ist auch erwacht. Oder ist es schon länger wach und hat mich durch seine Aktivitäten geweckt? Erscheint mir naheliegender. Danke, liebes Zipperlein, dass du mich aus diesem absurden Traum geholt hast…
…Oder bist du es vielleicht sogar, der mir diesen Traum beschert hat? Wolltest du mir etwa nahe legen dich mal dem Onkel Doktor vorzustellen? - Nein, dann hättest du mir keine Krankenschwester, sondern einen Arzt geschickt. Und die Krankenschwester hielt wohl eine ärztliche Versorgung nicht für nötig, denn sie würdigte mich keines Blickes.
Womöglich sollte es nur ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, mich mal wieder selbst, als `meine eigene Krankenschwester´ zu betätigen? Das erscheint mir logisch. Und nötig. Denn du brutzelst mal wieder ganz schön. Ich habe dich tagelang einfach links liegen lassen, dich “weg gedacht”.
Okay. Überredet.
Ich schnappe mir die Tube vom Tisch und verpasse dir eine großzügige Packung des kühlenden, enzündungshemmenden Gels. So. Nun ist aber gut. Über weitere Maßnahmen denken wir ein anderes Mal nach. Vielleicht.
Ich rappele mich vom Sofa hoch. Ich bin müde. Will ins Bett.
In mir ist eine tiefe Ruhe.
Allgemein13 Nov 2007 12:52 pm
Lichterfest
Seit meine Kinder aus dem “Laternen-trag-Alter” heraus sind, begnüge ich mich damit, vom Fenster aus den vorbeiziehenden Martinszug zu beobachten, anstatt selbst mitzutippeln.
Jedes Jahr freue ich mich darauf. Auf die vielen bunten Lichter, die die Dunkelheit erhellen, umhüllt von musikalischen Klängen.
Ich habe das Fenster gekippt und den Fernseher leiser gestellt, um den Vorbeimarsch nicht zu verpassen. Und als ich die Blaskapelle deutlich hören kann, ziehe ich die Rollade ein Stückchen höher und platziere mich freudig an meinem Fenster-Spähplatz, bereit den diesjährigen Lichterzug in mich aufzusaugen.
Und dann geht alles so schnell, dass ich mit Gucken fast nicht hinterherkomme: das Feuerwehrauto, die Blaskapellen, die Fackelträger, der Mann auf dem Pferd, große und kleine Menschen, Kinderwagen und bunt leuchtende Laternen marschieren unten auf der Straße vorbei. Lächelnde Gesichter, leises Geplauder, Kinder lachen, Babys weinen, gesungen wird nicht, aber dafür tönt die Kapelle, laut und freundlich - Leben pur.
Nachbarn entdecken mich an meinem Spähplatz und winken mir zu. Ich winke zurück. Das führt dazu, dass andere Vorbeiziehende auch zu mir hochblicken. Einen Moment lang denke ich daran, mich einen Schritt vom Fenster zurückzuziehen, um nicht gar so offenichtlich präsent zu sein. Verwerfe den Gedanken aber sofort wieder und bleibe eisern stehen. Lächelnd. Denn ich stehe voll und ganz zu meiner Martinszug-Spannerei.
Immer wieder winken mir Menschen von unten zu, ich kann nicht alle genau erkennen, winke aber jedem zurück. Komme mir ein bißchen vor, wie ein Karnevalsprinz, dem die Meute Tribut zollt, den er durch sein Winken erwidert. - Wahrscheinlich liegt es am Datum, dass mir dieser Gedanke kommt. Denn heute ist Sonntag, der 11.11., heute Morgen wurde um 11.11 Uhr in den närrischen Hochburgen die neue Karnevalssession eröffnet. Und heute Abend marschiert nun der St. Martinszug … mein Hirn hat wohl ein leichtes Problem damit, diese zusammenfallenden Ereignisse auseinanderzuhalten.
So stehe ich da und winke lächelnd, sauge die Atmosphäre in mich auf und frage mich, wo all die Leute herkommen. Immer wenn ich denke, ich hätte den letzten Fackelträger gesehen, der Zug wäre zu Ende, dann taucht wieder ein neuer Schwung Menschen aus der Dunkelheit auf und taucht die Straße in warmes, buntes Laternenlicht. Wie ein nicht enden wollender Strom. Ich staune und genieße.
Erst als die Straße wieder in Dunkelheit und Stille versinkt, schließe ich das Fenster und lasse die Rollade hinunter.
…Und freue mich nun wie ein kleines Kind auf die zwei 1- Pfund-schweren Martinsbrezeln, die meine Tochter gleich mitbringen wird. Für ortsansässige Kinder unter 16 Jahren werden sie gratis ausgegeben, inklusive Tüte mit ein paar Süßigkeiten drin. Für ältere Kinder kostet es einen kleinen Obolus, ebenso für auswärtige Kinder. Ich hatte für meinen Sohn auch eine Tüte mit Brezel bestellt. So haben wir zwei Stück, von diesem herrlichen Gebäck, das wir alljährlich am Martinsabend als Abendbrot verzehren, aufgeschnitten und mit Butter bestrichen. Lecker…
Ich decke nun eilends den Tisch, damit wir sofort loslegen können, wenn mein Töchterlein mit den Brezel-Tüten erscheint. Zu den Tellern lege ich bunte Servietten mit “Happy Birthday”-Aufdruck und zünde eine Kerze an… denn heute ist nicht nur Karnevalseröffnung und St. Martinszug - sondern auch der Geburtstag meiner Tochter, den wir mit dem Brezelmahl nun gemütlich ausklingen lassen. Unser ganz persönliches Lichterfest.
Selbsterkundung
Die aktuelle Schreibaufgabe für unseren Schreib-Stammtisch erschien mir einfach. Kein Problem, aufzuschreiben, wie ich mir einen perfekten Tag vorstelle, dachte ich. Und nun sitze ich hier und bin baff erstaunt, dass mir nichts einfällt. Habe ich keine Wünsche, für einen Tagesablauf ganz nach meinem Geschmack? Bin ich schon so eingefahren im steten Auf und Ab des Alltagslebens, dass ich irgendwann aufgehört habe zu träumen? Denn scheinbar fehlt mir gänzlich die Vorstellungskraft, um mir etwas so Wunderbares wie einen perfekten Tag vorzustellen.
Vor einigen Jahren hätte ich vermutlich von „Frühstück ans Bett“, gemütlicher Badestunde, störungsfreiem Lesen auf dem Sofa geschrieben und von Kindern, die brav ihre Zimmer aufräumen und lieb zueinander sind, anstatt dauernd zu streiten, hätte von einem Traum-Mann erzählt, der mir jeden Wunsch von den Augen abliest, mich verwöhnt und dafür sorgt, dass ich mich durchgehend wohl fühle.
Damals hätte ein perfekter Tag für mich so ausgesehen… Seltsam wie die Zeit die Gesinnung eines Menschen ändern kann… Denn Frühstück im Bett finde ich heute unbequem, gemütliches Baden oder störungsfreies Lesen auf dem Sofa sind keine Besonderheit mehr, weil ich mir dafür mittlerweile nach Lust und Laune eiskalt die Zeit klaue - einerlei welches Chaos um mich herum tobt.
Und heute fände ich es unnormal brave und lieb miteinander umgehende Kinder zu haben, mehr noch, ich würde mir Sorgen machen, ob mit ihnen vielleicht was nicht stimmt. Und mit einem Traum-Mann, so wie ich ihn mir damals vorstellte - könnte ich heute auch nichts mehr anfangen. Er würde mich nerven. Ich käme mir mit soviel wohlgemeinter Hege vor, als hätte ich den ganzen Tag einen Krankenpfleger um mich herum. Furchtbar diese Vorstellung!
Und wie stelle ich mir denn nun einen perfekten Tag vor? Gar nicht, irgendwie. Mir scheint, ich bin heute ein zufriedener Mensch, zufrieden vielleicht dadurch, weil ich heute bestrebt bin, auch dem miesesten Tag noch was Gutes abgewinnen zu können. Ich bin zufrieden in mir. Vielleicht fehlt mir darum die Vorstellungskraft für einen `perfekten Tag´. Weil jeder Tag, auf seine Weise, irgendwie ein klein wenig perfekt für mich ist…
Allgemein08 Nov 2007 12:14 pm
Rebellion
Regelmäßigkeiten im Alltag sind wie eine Art Zeitplan, dessen Punkte man nacheinander abhaken kann. So hangelt man sich von Punkt zu Punkt, ist der eine erledigt, wird der nächste anvisiert. Genaugenommen ist jeder dieser Punkte ein neues Ziel. Und jedes dieser Ziele beschert uns, wenn wir es erreicht haben, einen kleinen Erfolgsmoment, auch wenn uns das in der Monotonie des Tagesablaufs oft nicht bewusst ist.
Der regelmäßige “Tag-fürTag-Einheitsbrei” hat also durchaus einen Sinn, eine Berechtigung. Das sehe ich ein.
Doch manchmal bin ich genervt von all den Regelmäßigkeiten. Bestimmte Tätigkeiten, die sich Tag für Tag wiederholen, empfinde ich dann als quälenden Zwang. Ich fühle mich eingeengt, will ausbrechen aus diesem stupiden Einerlei. Und rebelliere gegen den Alltagssumpf. Ich will den alltäglichen Zwängen trotzen, ihnen die Stirn bieten, mich von ihnen befreien - und weiß doch genau, dass Alltäglichkeit die nötige Basis ist, um Tag für Tag festen Boden unter den Füßen spüren zu können. Sie ist der Halt, der dem Leben einen festen Rahmen verleiht.
So füge ich mich also immer wieder, gebe mich, scheinbar, geschlagen und erledige was täglich getan werden muss. - Aber nur rein körperlich gesehen.
Denn geistig hege und pflege ich ihn, den kleinen Rebellen in mir… und genieße die Momente, in denen mein Geist Flügel kriegt, abhebt, alle Zwänge hinter sich lässt. Denn die Gedanken sind frei.
Zitate/"Weisheiten"07 Nov 2007 09:32 am
Wenn Zeit und Raum
sich teilen,
wenn du eines Tages
am Ende deiner
Tage stehst,
wenn du dich fragst,
ob die guten Dinge
die schlechten
überwiegen -
wirst du dann auch
ein klein wenig an
…mich…denken?
(Autor ist mir nicht bekannt)
Allgemein05 Nov 2007 12:04 pm
Friede in mir
“Was arbeitest du denn zur Zeit?”
“Ich schreibe. ”
- Schweigen. Spürbares Erstaunen. Nicht nur bei meinem Gegenüber, sondern auch bei mir selbst. Weil ich völlig spontan, lässig und entspannt, ohne den geringsten Zweifel geantwortet habe. In meinem Bauch ist es still. Kein aufgeregtes Klopfen und auch keine Angst spöttisch angesehen zu werden.
“Was schreibst du denn?”
“Kurzgeschichten.” Wieder habe ich ruhig, kurz und bündig geantwortet, so als hätte mich jemand gefragt, was ich heute zum Mittagessen koche. “Hab aber bisher noch keine verkauft”, gebe ich bereitwillig Auskunft, auf die unausgesprochene Frage, die meinem Gegenüber sichtlich auf den Lippen brennt. Bin noch immer völlig relaxed.
“In manchen Zeitschriften sind regelmäßig Geschichten drin, bei Burda-Medien, oder so. Versuche es doch mal bei denen ” - kommt es ratend zurück.
“Das ist nicht so einfach”, antworte ich, “aber ich arbeite daran.” Ich wundere mich kurz, dass ich das, was ich sage, auch tatsächlich so meine. Felsenfest, unumstößlich. So, als wenn ich auf meinen Bügelberg zugehen würde, um diszipliniert meine allabendliche Bügelstunde zwischen 19 und 20 Uhr in Angriff zu nehmen.
“Und wie ist das mit deinem Kosmetikvertrieb? Machst du den nun nicht mehr weiter?”
“Doch, den lasse ich weiter laufen. Nebenher. Aber hauptsächlich möchte ich nur noch schreiben, egal was…”
Weit entfernt, nicht mehr spürbar sind die Säcke von Selbstzweifeln, die mich noch bis vor Kurzem immer wieder sporadisch geplagt haben. Ich fühle mich wie nach einer Gehirnwäsche.
Wann hat sich dieser Wandel in mir vollzogen? Was war der Auslöser? - Keine Ahnung. Es ist einfach so passiert.
Ich lehne mich entspannt zurück, genieße den neu erworbenen Frieden in mir.
Ich schreibe. Punkt.