September 2007


Allgemein28 Sep 2007 02:40 pm

Geburt und Aufzucht

Ein frisch geschriebener Text gibt mir immer das Gefühl, als hätte ich soeben ein Baby zur Welt gebracht. Noch ohne recht erkennbaren roten Faden liegt er vor mir. Die Frage, welche Geheimnisse vielleicht noch unerkannt in ihm verborgen liegen, schwebt im Raum.
Vorsichtig ´wasche´ ich ihm die kleinen Unsauberkeiten vom Leib, entferne einige der überflüssigen “hatte” aus seinen Ohren, `creme´ ihn dann zärtlich mit Gefühlen ein, weine und lache mit ihm. Füttere ihn ein wenig mit Bildern und Klang.
Sauber, satt und zufrieden lächelnd liegt er dann, noch immer nackt, vor mir. Nun hülle ich ihn kuschelig in eine Prämisse ein. Dann lasse ich ihm seinen wohlverdienten Schlaf. Lasse ihn ruhen und reifen…

Und wenn ich ihn dann eines Tages wieder wecke ist, oh Schreck, der liebliche Anschein des Neugeborenen in ihm verschwunden. Statt rosig glänzendem Babyspeck sehen mir nun prall gefüllte Fettpolster in einem kaum beweglichen, eher steifen Körper entgegen, dem es an Balance fehlt um fest auf beiden Beinen stehen zu können. Hab ich ihn zu lange ruhen lassen? Oder war er von vorn herein so speckig und steif und ich habe es in meiner Verliebtheit nur nicht bemerkt? Höchste Zeit, um ihm mit gezieltem Training mehr Beweglichkeit zu verschaffen.

Leichter gesagt, als getan. Denn wie eine Glucke hänge ich an diesem kleinen, unreifen Bündel. Möchte es mir einerseits so bewahren, wie es auf die Welt kam und weiß doch, dass es in dieser Körperform niemals das Laufen lernen kann.
Ich weiß, es ist nur zu seinem Besten. Also gebe ich mir einen Ruck und füge mich ins Unvermeidliche. Beginne damit, den Körper vorsichtig Stück für Stück zu entspecken, Unebenheiten zu glätten, ihm sanfte, straff geformte Kurven zu verleihen.
Es ist immer wieder aufs Neue ein schwieriger Prozess, dieses “Loslassen”, ersatzloses Streichen von innig geliebten, wohl klingenden Sätzen, weil sie trotz ihrer Schönheit nur erschwerener Ballast sind, ohne jeglichen `Nährwert´für den Körper. Doch meistens erfreue mich schon nach der ersten `Trainingseinheit´ daran, wie beweglich mein Textlein durch das Entspecken geworden ist, und wie deutlich ich nach ein wenig Glätten und Formen nun seinen Herzschlag hören kann.

Babys kommen nun mal nicht auf die Welt, um Babys zu bleiben, sondern um sich zu reifen Menschen entwickeln zu können, die mit beiden Beinen alleine auf dem Boden stehen können.
Und auch wenn der Anfang manchmal schwer fällt, so betätige ich mich doch immer wieder gerne als `Entwicklungshelfer´…
…Nur leider viel zu wenig. Denn in meinem Weblog gibt es noch so einige Babys, die mal dringend `geweckt´ werden müssten…seufz…

Allgemein27 Sep 2007 07:56 am

Vom Dunkel ins Licht

Es ist noch rabenschwarz draußen. Dunkel und still. Die Häuser ringsum sind nur schemenhaft zu erkennen. Doch die Straßenlaterne verbreitet ein grelles Licht in ihrem kleinen Umkreis, so kann ich deutlich sehen, wie mein Sohn sich als Sozius bei seinem Kumpel aufs Motorrad setzt. Die Geräusche des wartenden Gefährts steigen gedämpft zu mir hoch. Seltsam gedämpft, so als ob das Motorrad ein Eigendenken hätte und möglichst wenig Lärm machen wolle, um die umliegenden Nachbarn nicht zu wecken.
Jetzt fahren sie ab, die beiden Jungs, Richtung Arbeitsplatz.
Und draußen ist es nicht nur immer noch dunkel, sondern nun auch wieder ganz still.
Anstatt wieder zurück ins Bett, lege ich mich aufs Sofa und blicke durchs Fenster, sehe zu , wie der Morgen langsam erwacht.

Als es draußen eine Spur heller wird, regt sich zaghaft auch meine Mitbewohnerschaft. Rolladen werden vorsichtig nach oben gezogen, irgendwo lärmt eine Klospülung. Ich höre leise Stimmen. Eine Tür klappt auf, klappt zu.

Umso heller es draußen wird, umso lauter wird es auch. Ich höre, wie Autos und Busse geschäftig durchs Dorf fahren. Das Brummen der Motoren wird immer lauter, um so heller es wird. Scheint mir. So wie sich Dunkelheit und Stille zu einer Einheit ergänzen, so gehören wohl auch Helligkeit und Lärm untrennbar zueinander.

Mittlerweile hat draußen das Tageslicht auch die letzten Schatten der Nacht verdrängt.
Es ist hell draußen. Und laut. Der Bagger hat bereits dröhnend seine Straßenbauarbeiten wieder aufgenommen. Der Tag ist endgültig erwacht. Es ist kurz vor acht Uhr, morgens in Deutschland.

Allgemein23 Sep 2007 07:49 pm

Warum nur…?

Die Sonne lächelt und lockt mich hinaus. Ich kann und will ihr nicht wiederstehen. Gebe mich freudig geschlagen, folge ihrem Ruf und verbringe das Wochenende wieder einmal überwiegend lesend auf dem Balkon. Erlebe Freude und Lust, Höllenqualen und Todesängste der “Dame Catherine”, lache und weine mit ihr - und frage mich nun wieder einmal: Warum selbst schreiben?
…Wo es doch so viele, schöne Erzählungen und Romane gibt, in die man abtauchen kann, um in anderen Zeiten und Welten zu schwelgen.
Warum nicht einfach vorhandenen Lesestoff genießen, sich daran vergnügen und es dabei belassen, in Ehrfurcht zu knien vor Autoren, die uns mit viel Einfallsreichtum und Wortgewandheit schöne Stunden bescheren?

Woher kommt er nur, dieser Drang, sich immer wieder selbst im Schreiben versuchen zu wollen? Nein, nicht zu wollen, sondern eher zu “müssen”… weil es nicht auszuhalten ist, dieses Jucken in den Fingerkuppen, dass erst wieder aufhört, wenn die Finger über die Tasten fliegen und sich voller Wonne daran vergnügen, das Innenleben der Gehirnströme auf Papier zu bannen, Gedanken niederzuschreiben, von denen man vor der Berührung mit den Tasten noch nicht wusste, dass es sie gibt.

Warum nur ? Wahrscheinlich ist Schreiben eine Sucht. Und ich bin schreib-süchtig. Oder eher sehn-süchtig - nach Schreiben…

Allgemein19 Sep 2007 01:45 pm

Nur fünfzehn Minuten…

“Beine leicht grätschen, Knie langsam nach vorne schieben, Rücken gerade halten, Arme locker hängen lassen…”
Selbstverständlich, liebe Dame, ich brauche nur einen kleinen Moment, bis ich das alles auf die Reihe kriege. So, jetzt hab ich es raus.
“…und langsam nach unten…langsam wieder hoch…nach unten….wieder hoch…”
Oh, Gott, wie langweilig! Scheint eine reine Rentner-Gymnastik zu sein.
“…und nun schneller: nach unten, hoch, runter, hoch…”
Aha. Jetzt kommt Bewegung ins Spiel.
“…wir merken, wie der Puls langsam steigt…”
Nein, ich merke noch nix. Bin völlig relaxed. Wer täglich so oft Treppen rauf und runter gehen muss, wie ich, für den braucht es schon ein bißchen mehr, um den Puls nach oben zu jagen!
“…wir federn abwechselnd mit den Beinen, nehmen die Arme schwungvoll mit…”
Wie geht denn das? Aha, so. Okay. Ich bin ja flexibel.
“…und ein paar Schritte nach vorne, wieder zurück, nach vorne, zurück, nicht anhalten, immer in Bewegung bleiben…”".
Selbstverständlich, gerne! Darum hab ich eure Tele-Gym ja eingeschaltet, liebe Bayern, um der Bewegung willen, und weil sonst kein Fernseh-Sender mehr Tele-Gymnastik im Programm hat, außer euch.
Aber, liebe Frau, eigentlich sind es nicht meine Beine, die Bewegung brauchen, sondern mein Rücken. Kommt da noch was in der Richtung?
“…und im Stand weiter abwechselnd federn, nicht stehen bleiben, und jetzt gehen wir ins Hüpfen über…”
Oh, nein!… Ich mache ja gerne alles mit, aber beim Hüpfen muss ich passen, das ist für mich echte Quälerei, seit ich als Kind das linke Sprunggelenk gebrochen hatte. - JA, ich weiß. Ausreden gibt es immer. Okay, ich versuch´s.
…Vier mal hin-und herhüpfen muss reichen, mehr schaffe ich echt nicht, gute Frau, du weißt ja, wegen meinem Sprunggelenk….keuch…japs…
- Ich schalte vom Hüpfen wieder runter ins `Federnd-auf-der-Stelle-gehen´. Mein Puls jagt, ich schnappe nach Luft.
“…und wieder federnd auf der Stelle gehen, aber nicht anhalten, in Bewegung bleiben, und jetzt die Beine abwechselnd nach vorne und…”
Ist nicht endlich Zeit für die Entspannungsübungen? Die fünfzehn Minuten sind doch bestimmt bald rum. Oder kommt mir das nur so vor?
- Wenn auch nicht hüpfend, sondern eher gehend, bleibe ich dran. Und ziehe das Programm durch. Dass fünfzehn Minuten anhaltende Bewegung so fix und alle machen können, das hatte ich nicht bedacht, als ich heute Morgen in einem Anfall von “Lust-auf-Sport” nach vielen Jahren mal wieder die Tele-Gym einschaltete.
“…und nun kommen wir zur Entspannung…”
Aaah, endlich.
“…langsamer werden, den Oberkörper weit nach vorne beugen, Rücken gerade halten, Arme weit strecken…”
Unter Entspannung stelle ich mir eigentlich ein bißchen was anderes vor. Früher durfte ich mich dazu auf den Boden legen und strecken und dehnen….das wurde wohl wegen Einschlaf-Gefahr abgeschafft.
“Und nun sind wir schon wieder am Ende angekommen. Jetzt können sie aktiv und gesund in den Tag starten…”
Von aktiv keine Spur, ich bin völlig platt und brauche erst mal eine längere Pause.
“…Ich hoffe, es hat ihnen gefallen und sie sind auch Morgen wieder mit dabei!”
- Das weiß ich noch nicht…Ich denke, eher nicht…”Finger-und Hirn”-Gymnastik sind wohl eher mein Ding. Pust. Schnauf.

Allgemein18 Sep 2007 12:55 pm

Die Sonne scheint und taucht die Natur in ein freundliches Licht. Der Wind ist frisch, aber nicht kalt. Ideal, um die Wäsche auf dem Balkon zu trocknen. Denke ich bei mir. Handle sofort, befülle im Ruck-Zuck-Verfahren die Waschmaschine und schalte auf “Schnelle Wäsche” - die dauert nämlich nur dreißig Minuten, das geht schneller. Vielleicht kann ich so die warmen Sonnenstrahlen noch ausgiebiger zum Trocknen nutzen, bevor sie sich wieder von jetzt auf gleich verflüchtigen, wie so oft in den letzten Tagen.

Zu früh gefreut. Die schnelle Wäsche war nicht schnell genug. Innerhalb der dreißig Minuten hat draußen die Jahreszeit gewechselt. Es ist nun nicht mehr warmer Spätsommer, sondern novemberlich trüb, ungemütlich kühl und regnerisch, schon fast vorwinterlich.
Ich seufze innerlich. Hänge die Wäsche in der Küche auf den Flügeltrockner. Griffbereit, um ihn auf den Balkon zu stellen - falls in Kürze draußen wieder der Spätsommer Einzug hält.

Zur Zeit ist es kaum möglich die Jahreszeit genau zu definieren. Vor allem beim Einkaufen fühle ich mich wie in einem “Jahreszeiten-Karussell”:
Wenn ich den Supermarkt betrete, dann strahlen mir vom Blumenstand her herbstlich leuchtende Kürbisse, Strohmännchen und `Ernte-Körbchen´entgegen. Da lacht mein Herz. Ja, der Herbst ist da! Bunt und fröhlich schillernd…
Gehe ich aber tiefer in den Laden hinein, dann löst sich meine Herbst-Illusion in Luft auf. Denn hier stehen schon Wagen voll mit Lebkuchen, Printen…hier ist eindeutig schon Winter- Weihnachtszeit.
Und wenn ich den Markt verlasse - dann weht mir entweder warme Frühlingsluft entgegen, so warm, dass ich beim Einladen meines Kaufguts ins Schwitzen gerate - oder mir peitscht der Novemberwind samt Regen ins Gesicht und bringt mir durchfeuchtend in Erinnerung, dass ich mir doch mal eine All-Wetter-Jacke zulegen wollte.

Während ich hier schreibe, ist draußen wieder Spätsommer. Und während ich noch überlege, ob ich das Schreiben unterbrechen und den Trockner auf den Balkon stellen soll - ist schon wieder November. Draußen schüttet es urplötzlich wie aus Eimern und der Wind singt nicht leise sein Lied, nein er heult laut in den höchsten Tönen! Mir wird ganz gruselig zumute.
Das Wetter raubt mir heute echt den letzten Nerv. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen und vollends kirre machen. Nein. Diesem ständigen Jahreszeiten-Wechsel werde ich jetzt endlich ein Ende setzen! Mein Entschluss steht fest:
…Ich werde die Wäsche jetzt dorthin zum Trocknen bringen, wo immer `Sommer´ist, nämlich in den Keller, in den kleinen Trockenraum neben der Heizung.
Und dann werde ich endlich meine tönernen Igelchen und andere Herbstdeko in der Wohnung verteilen. Und dann können von mir aus draußen die Jahreszeiten wechseln und rumtoben, wie sie gerade lustig sind! Beeindruckt mich überhaupt nicht… Denn hier drinnen wird jetzt eindeutig der Herbst sein fröhliches Kleid ausbreiten! Jawohl. Es ist Herbst. Basta. Es ist Herbst, Herbst, Herbst…..

Zitate/"Weisheiten"16 Sep 2007 10:33 pm

Nur der Denkende
erlebt sein Leben.
Am Gedankenlosen
zieht es vorbei.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

"Gedankensplitter" (Schreibübungen) and Geschichten16 Sep 2007 01:02 pm

An manchen Tagen…

“Du bist mal wieder unausstehlich, Ron!” Hermine wirbelte ihren Kopf mit einer solchen Wucht zur Seite, dass einige Spitzen ihrer fülligen Haarpracht Rons Gesicht trafen.
Der zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. “He, kannst du nicht aufpassen, wo du deine störrischen Haare hinschmeißt?” Er rieb mit schmerzerfülltem Gesicht über die getroffene Stelle auf seiner Wange. Erbost baute er sich mit hochrotem Kopf vor ihr auf. “Jetzt reichts aber langsam, mit deinem zynischen Getue. Was ist denn schon wieder los mit dir? Hast du deine Tage, oder was?”
Hermine blieben sprachlos die Worte im Hals stecken. Woher wusste er, dass sie ´unpässlich´war? Sie errötete bis in die Haarwurzeln. “Das geht dich ja wohl gar nichts an!”
“Was geht mich nichts an?”
“Ob ich meine Tage habe, oder nicht.”
“Was soll denn jetzt der Blödsinn? Ist mir doch schnurz egal, ob du deine Tage hast, oder nicht.”
“Na, bitte. Dann ist ja gut.” Sie wandte sich zum Gehen.
“Ist gut? Nichts ist gut!” schrie er ihr hinterher. “Du hast mich mit deinen Besen-Haaren schließlich grob verletzt!”
“Du mich auch!” entfuhr es ihr schärfer, als sie es gewollt hatte.
“Ich dich auch? Wieso denn das? Womit hab ich dich denn verletzt?”
Sie hörte das baffe Erstaunen in seiner Stimme. `Mit deinen Worten und damit, dass du mich nie als Frau ansiehst´,wollte sie ihm über die Schulter zurufen. Tat es aber nicht, sondern blieb stumm und stapfte mit gesenktem Kopf auf den Speisesaal zu, ohne sich noch einmal zu Ron umzudrehen.

Und sah zu spät, dass sie geradewegs auf Draco Malfoy und seine Leibgarde zu marschierte.
“He Hermine, ist dir Essig übers Gesicht laufen?”
Dracos höhnisches Grinsen hatte ihr gerade noch gefehlt und vesetzte sie augenblicklich in höchste Rage: “Lass mich in Ruhe du Satans-Brut!” schrie sie ihm ins verdutzte Gesicht.
“Wer hat dich denn angestoßen, dass du wackelst”, schrie er zurück, “hast wohl deine Tage?”
Erschrocken kehrte sie sich postwendend auf dem Absatz um und verließ den Saal. Scheinbar sah man ihr ihre Unpässlichkeit irgendwie an!… Da würde doch nichts durchgesickert sein?…
Mit einem unangenehm panischen Gefühl im Magen schlug sie die Richtung zu den Toiletten ein.

Allgemein10 Sep 2007 01:31 pm

Getrödelt

Altes, Gebrauchtes, Fabrikneues und auch für das leibliche Wohl wird gesorgt. Heutzutage ist ein Trödelmarkt nicht mehr nur ein “Second-Hand-Basar”, sondern eher eine Frei-Luft- Verkaufsveranstaltung. Dennoch hat er an seiner Mystik kaum was eingebüßt. Es macht nach wie vor Spaß sich auf dieses Abenteuer einzulassen, sich `archäologisch zu betätigen´ und nach ´Schätzen zu graben´.

Es ist Sonntagmorgen. Kaum Besucher auf dem Trödel-Platz. Entweder ist der goße Ansturm schon vorbei, oder er kommt erst noch. Meine Tochter und ich haben also den richtigen Zeitpunkt abgepasst, um genüsslich und mit stets freiem Blick Reihe für Reihe die Verkaufsstände abklappern zu können. Auch der einsetzende Nieselregen kann unsere Neugier auf der Suche nach Kostbarkeiten nicht dämpfen.
So schlendern wir gemütlich von einem Trödler zum nächsten, gehen dabei unserer gemeinsamen Vorliebe nach, indem wir alles Angebotene eingehend mit neugierigen sowie kritischen Blicken begutachten - obwohl wir es, wie immer, nur auf die Bücher-Kisten abgesehen haben.

Mein Töchterlein wird schnell fündig. Und ergattert eine gut erhaltene Ausgabe eines Kinderkrimis aus der “TKKG”-Serie. Ihr Tag ist gerettet, kann ich an ihrem fröhlichen Gesichtsausdruck feststellen.
Ich werde langsam unruhig und lasse, ein wenig enttäuscht, meinen Blick über den nächsten Stand schweifen. Wir haben schon mehr als die Hälfte der Angebote beäugt, aber kein Buch spricht mich richtig an, kein Fund lässt meine Augen Funken sprühen. Es wäre das erste Mal, dass ich ohne ein Buch vom Trödelmarkt gehe.
Doch dann - beginnt mein Herz aufgeregt zu klopfen. Mein Blick saugt sich an einem roten Leinen-Einband fest. Ich gehe darauf zu und wie magnetisch angezogen schnellt meine rechte Hand in die Kiste und zieht einen dicken, schon eher fetten, Wälzer aus einem “Bananen”-Karton: Juliette Benzoni…”Catherine”. Irgendwo im Hinterstübchen meines Hirns regt sich etwas. Von “Catherine” hab ich schon mal was gehört. Über sie gibt es mehrere Bücher, ähnlich der “Angelique”- Reihe der Schriftstellerin Anne Golon.
Vorsichtig, wie aus Angst, das Buch könnte unter meinen Händen wie Staub zerfallen, schlage ich es auf. Es ist aus dem Jahr 1964, neunte Auflage. Gespannt beginne ich zu lesen. Der Schreibstil gefällt mir. Und mein Interesse für die Geschichte dieses Mädchens namens Catherine ist erwacht, am liebsten würde ich hier an Ort und Stelle weiterlesen. Wie einen Schatz drücke ich es an meine Brust, halte es eisern fest, nichts und niemand kann mich jetzt noch davon abbringen, es bald mein eigen zu nennen.
Und dann setzt mir glatt einen Moment der Herzschlag aus. Denn in dem Karton liegen noch zwei weitere, ebenfalls in rotem Leinen eingebundene, fette Wälzer. Schon bevor ich sie aus ihrem tristen Lagerbehältnis befreie, ahne ich, dass heute mein Glückstag ist. Tatsächlich!: “Unbezwingliche Catherine”, 1965, vierte Auflage und “Catherine de Montsalvy”, 1968, zweite Auflage. Mein Herzchen hüpft. Der kommende Lese-Herbst kann beginnen… Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon in eine Decke eingekuschelt Abend für Abend auf dem Sofa liegen und Catherines Geschichte verschlingen, in vergangenen Zeiten schwelgen, heißen Tee trinken…
“Jedes Buch 1 Euro”, steht auf der Bücherkiste. Nur drei Euro - für insgesamt mehr als 1500 Seiten unterhaltsamen Lesestoff, nur drei Euro für wertvolles Lesegut aus den 60iger Jahren! Mir wird ganz elend. Ich fühle mich wie ein Hochstapler, oder so was, als ich mit meiner süßen, schwerwiegenden Last bepackt, zur Trödler-Frau marschiere.
“Das macht dann drei Euro”. Sie lächelt mir zu.
Mir wird schlecht. Ich fühle mich wie ein Betrüger. Und drücke ihr mit einem gemurmelten “Stimmt so” vier Euro in die Hand.
“Danke!” Sie freut sich. Und gibt mir berührt lächelnd noch gratis eine Tüte für meine Bücher dazu.
Ich ringe nach Worten, um mein schlechtes Gewissen noch ein wenig zu beruhigen, bevor ich mit meinen viel zu billig erstandenen Werken von dannen ziehe. “Nun haben sie ein paar Kilo weniger zu schleppen, wenn sie nachher ihre Ware wieder ins Auto packen müssen”, fällt mir spontan ein.
Ihr Lächeln verwandelt sich augenblicklich in eine Art erleuchtende Erkenntnis. “Da haben sie Recht!” Jetzt freut sie sich noch mehr.
Nun geht es mir ein klein wenig besser. Mein Gewissen ist halbwegs erleichtert.

Mit entzückten Gesichtern, jeder in sich selbst versunken, schon in voller Vorfreude aufs Lesen, tragen wir unsere Beute vom Platz. Meine Tochter und ich. Genug getrödelt für heute. Hat wieder Spaß gemacht.

Allgemein06 Sep 2007 11:11 am

Ein ganzes Jahr ist nun schon vergangen, seit ich mich von meiner Spontanität hab verführen lassen, dieses Weblog zu eröffnen.
Am 6. September 2006 schrieb ich hier meinen ersten Beitrag und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie aufgeregt ich damals war, als ich dieses Neuland betrat und noch keine Ahnung hatte, wie sich das alles, und ob überhaupt, entwickeln würde. Und als mein erster Beitrag nach dem Absenden gleich zweimal veröffentlicht war, fiel ich sofort in Verzweiflung, dass ich mit meinem technischen Unverstand vielleicht nicht fähig wäre ein Weblog zu führen.
Und weitere Selbstzweifel folgten auf dem Fuss: Waren meine Texte überhaupt gut genug, um sie hier der Öffentlichkeit zu präsentieren? Und mein Schreibstil war noch nie jedermanns Sache gewesen, dem einen gefällt er, den anderen nicht. Würde überhaupt ein Mensch meine Texte lesen wollen, geschweige denn kommentieren? Vielleicht war die Zeit noch nicht reif, bestimmt wäre es besser erst noch eine Weile im Stillen zu üben, bevor ich meine Texte den kritischen Augen der Online-Welt aussetze?

- Zu spät, für Zweifel. Denn mein erster Beitrag stand, mein Weblog war eröffnet. Der erste Schritt gemacht. Ich hatte keine Wahl mehr und musste den eingeschlagenen Weg weitergehen, ohne jeglichen Schimmer einer Ahnung, wohin er mich führen und wie er sich auswirken würde. Gemischte Gefühle brachen über mich herein, ein ungutes Bauchgefühl vermengte sich mit aufgeregter Neugier, Abenteuerlust - und Säcken voll mit Selbstzweifeln. Kaum zu beschreiben.

Seit diesem Tag ist nun ein ganzes Jahr vergangen und ich kann nur allen Recht geben, die da sagen: “Der Weg kommt, indem wir ihn gehen.” Und ich habe es noch keinen Tag bereut, mich auf diesen Weg eingelassen zu haben.
Und möchte mich an dieser Stelle einmal bei allen bedanken, die mich lesend und kommentierend, oder auch nur still lesend hier auf meinem Weg begleiten. Ich bin damals in diesen “Zug” eingestiegen, ohne ein genaues Ziel vor Augen zu haben, mit der großen Unsicherheit im Gepäck, vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Diese Unsicherheit, liebe Leser, die habt ihr mir genommen, dadurch, dass ihr mir immer wieder treu zu erkennen gebt, dass ich nicht alleine reise, in meinem Zug, dadurch, dass ihr mir das Gefühl gebt, dass es euch Freude macht, mich zu lesen.
Danke.

Allgemein04 Sep 2007 12:01 pm

Zuwachs

Seit gestern haben wir eine neue Mitbewohnerin. Eine Art Untermieterin, die sich aber nicht an unseren Mietkosten beteiligen muss. Sie darf umsonst hier wohnen, braucht ja nur ein kleines Eckchen Platz, und Wasser kriegt sie auch gratis, unsere kleine Schefflera.
Gestern noch stand sie wie ein Fremdling auf der Fensterbank, betrübt und in sich zusammen gesunken. Aber heute, so scheint es mir, fühlt sie sich schon viel wohler. Ihre ovalen grün melierten Blätter recken sich genüsslich in alle Richtungen, so als wenn sie neugierig auf ihr neues Umfeld wäre und sich kontaktfreudig nach allen Seiten umschauen würde.
Sieht fast so aus, als hätte sie auch schon Freundschaft geschlossen. Mit dem großen, alten Gummibaum, der saftig grün neben dem Sofa steht. Denn der scheint mir heute arg schräg dem Fenster zugeneigt zu sein. Wahrscheinlich hat er sein Ohr der “Neuen” entgegengebeugt, damit er besser verstehen kann, was sie erzählt. Denn er ist schon ziemlich alt, da klappt das wohl nicht mehr so gut, mit dem Gehör.
Auch die kleine Dieffenbachia - die sich irgendwann eisern zum Zwergenwuchs entschlossen hat - scheint hoch erfreut über den neuen Zuwachs neben ihr. Denn sie hat heute ausnahmsweise einmal all ihre kleinen, unzähligen Blättchen lebenslustig von sich reckt. Sonst steht sie meist ein wenig traurig und in sich gekehrt herum.
Die beiden “Großen”, die links und rechts auf der Fensterbank den Ton angeben, betrachten den Neuling mit höflicher Zurückhaltung. So wie sie sich auch mir gegenüber stets ein wenig reserviert geben… Die Hochwohlgeborenen namens Palme - und derer von “Weiß ich nicht mehr wie heißt” mit ihren dunkelroten Blüten mit was drin, das wie ein Maiskolben aussieht.
Die beiden werden es wohl als ihre Pflicht ansehen die Neue schnellst möglich mit den Gepflogenheiten ihrer Hausherrin vertraut zu machen, indem sie ihr Leid klagen, dass man in diesem Haushalt nur “all Schaltjahr” mal Wasser kriegt. Und dass nur der gute, helle Standort mit Panoramablick sie bisher am Leben erhalten hätte.
Dabei kann ich ja nun nix dafür, dass die beiden so unterschiedlich Durst haben. Wenn ich sie täglich gieße senken sie beleidigt die Blätter, als würde ich mir keine Mühe geben, ihre ureigenen Bedürfnisse zu ergründen. Wenn ich ihnen nur zweimal die Woche Wasser gebe, dann ist ihnen das mal zu viel, mal zu wenig…Ja, was denn nun?
Ich weiß, ich bin leider keine von denjenigen, die den `grünen Daumen´ haben, aber ich gebe mir wirklich redliche Mühe alle zufrieden zu stellen! Und bisher ging es doch auch ohne Dünger, nicht wahr ihr Lieben? Seid ihr nicht auch ein klein bißchen stolz darauf, dass ihr auch ohne diese Vitamin-Spritze grünt und blüht? Ich schon.
Ich gebe euch zu trinken, nicht nach Plan, sondern individuell, so wie ihr es braucht. Ich sorge für Frischluft und ich rede mit euch, wenn ich eure Blätter liebevoll mit feuchtem Tüchlein vom Staub befreie. Und den Zigarettenrauch, den ihr tagtäglich inhaliert, der scheint euch auch nicht zu schaden. Im Gegenteil. Schon oft kam mir der Gedanke, dass ihr ihn sogar genießt. Und meine Mutter meinte mal zu mir, dass es vielleicht am Zigarettenqualm liegt, dass meine Pflanzen immer so uralt werden. Vielleicht hat sie ja Recht? Vielleicht wirkt dieser Qualm ja wie `Naturdünger´ auf Pflanzen? Vielleicht ist das der Grund dafür, warum mein mittlerweile sieben Jahre alter Gummibaum wieder vermehrt Blätter treibt, seit ich ihn vor einigen Monaten - nach zweijähriger `Abstinenz´ - aus dem hellen Treppenhaus wieder ins leicht eingeräucherte Wohnzimmer geholt habe? - Na, so was…
Also, freu dich unbeschwert deines Lebens, kleine Schefflera. Du wirst es gut bei uns haben. Versprochen.

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