Ein frohes, friedliches Weihnachtsfest

wünscht euch allen
Wally
Ein frohes, friedliches Weihnachtsfest

wünscht euch allen
Wally

“Stern über Bethlehem
zeig uns den Weg,
führ´uns zur Krippe hin.
zeig´, wo sie steht,
leuchte du uns voran,
bis wir dort sind.
Stern über Bethlehem,
führ´uns zum Kind.” 
(Alfred Hans Zoller)

Bald ist Weihnachten. Und zu Weihnachten gehört nun mal ein Weihnachtsbaum. Egal wie groß oder klein. Sonst wäre es irgendwie kein richtiges Weihnachten. Ohne Baum. Viele kaufen ihren Weihnachtsbaum bei den Baumanbietern, die an Bau- oder Einkaufsmärkten ihre Verkaufsstände eingerichtet haben. Manche kaufen ihn lieber in Baumschulen, weil die Bäume dort eher “frisch geschlagen” sind. Einige fahren sogar bis in die Eifel oder sonst wo hin, um ihren persönlichen Weihnachtsbaum mit eigenen Händen zu fällen! Oder lassen ihr Christbäumchen von denjenigen Anbietern fällen, die eigens Fichten- und Tannenwälder anlegen, um diese Bäume in der Weihnachtszeit zu verkaufen.
Jeder hat halt so seine eigene Vorstellung, wo er seinen Weihnachtsbaum am liebsten holt. Wir, wir holen unseren Weihnachtsbaum jedes Jahr - aus dem Keller. Wir haben nämlich seit einigen Jahren einen künstlichen Christbaum. Notgedrungen, weil wir Allergiker sind und uns der wohlriechende Tannenduft verstopfte Nasen und Hustananfälle beschert. Leider. Anfangs war es schwer. Wir mochten ihn nicht so recht, den Baum, der nicht roch, wie ein Weihnachtsbaum riechen sollte. Aber mittlerweile, mögen wir ihn doch. Ja, er hat es tatsächlich geschafft, uns von sich zu überzeugen! Kein klebriges Harz und ausgefallene Nadeln mehr im Auto, kein lästiges Nadelfallen mehr in der Wohnung, kein schlechtes Gewissen mehr, weil ich den liebgewonnenen Baum nach Weihnachten kaltherzig entsorgen muss. Wie Müll entsorgen muss, obwohl er doch kein Müll ist, sondern ein Baum. Und nun freuen wir uns jedes Jahr darauf, wenn die Zeit gekommen ist, unseren Baum wieder aus dem Keller zu holen. Ja, UNSEREN Baum! Er gehört nun zu uns, wie unser Tisch, unser Sofa, unsere Küche…Wir feiern Weihnachten nicht mehr Jahr für Jahr mit einem anderen Baum, sondern feiern jedes Jahr mit dem selben Baum! Nämlich mit unserem Baum.
Die Kerzenkette habe ich schon befestigt. Sie ist zu kurz. Sie ist jedes Jahr zu kurz. Weil ich jedes Jahr vergesse, eine längere zu kaufen. Vielleicht vergesse ich es auch darum, weil wir uns an die zu kurze Kette gewöhnt haben. Weil schon seit Jahren auf UNSEREM Baum UNSERE zu kurz geratene Lichterkette glitzert. Weil unsere zu kurze Kette ebenso wie unser Baum zu unserem Weihnachtsfest gehören. Ebenso wie unsere roten und goldenen Kugeln, die Jahr für Jahr den Baum schmücken. Immer dieselben Kugeln. Schon seit Jahren. Unsere Kugeln, eben. …seufzzz….Bin ich vielleicht zu sentimental?…Auf jeden Fall habe ich unseren Baumschmuck schon aus unserem Keller geholt. Morgen werden wir unseren Baum schmücken. Ich freu mich drauf! Bald, ist Weihnachten…

Vieles erfahren haben,
heißt noch nicht,
Erfahrung besitzen.
(Marie von Ebner-Eschenbach)
Im Käfig der Zeit
Es war an einem Donnerstag im November. Wolfram Feddersen verließ, wie an jedem Arbeitstag, um 17.30 Uhr sein Büro, durchquerte die Eingangshalle und steuerte auf den Ausgang zu.
“Pünktlich wie immer, Herr Feddersen”, lächelte ihm der Pförtner zu.
“Stimmt genau”, sagte Feddersen. “Auf Wiedersehen.” - Wie er das hasste, immer dieselben Worte, jeden Abend.
An der Bushaltestelle angekommen blickte er auf seine Armbanduhr: In genau drei Minuten würde der Bus der Linie 60 eintreffen. Jeden Abend waren es genau drei Minuten Wartezeit, niemals vier oder nur zwei Minuten, nein, immer genau drei Minuten. - Wie ihn das nervte.
Im Geiste formulierte er schon mal ein paar belanglose Worte, denn er sprach beim Einsteigen immer einige Worte mit dem Busfahrer.
Der Bus der Linie 60 hielt an. Am Steuer saß Willy Otremba, der fuhr schon immer diesen Bus. Feddersen stieg ein.
“Schöner Abend heute”, sagte er zu Willy Otremba.
“Soll aber noch regnen”, gab dieser zurück.
“Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine ganze Menge Regen”, sagte Feddersen.
“Da haben Sie Recht.”
Freundlich nickend ging Feddersen weiter, setzte sich auf den gleichen Platz wie jeden Abend und las, wie immer, seine Zeitung bis der Bus an seiner Haltestelle anhielt. Feddersen stieg aus und ging den gewohnten Weg: erst die Goethestraße entlang, dann links in die Nord-Allee, dann noch mal links in die Lindenstraße bis zu seinem Haus, Lindenstraße 22.
Wie gewöhnlich machte er sich sein Essen selbst, machte nach dem Essen den Abwasch, räumte auf und ging ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltete. Er setzte sich in seinen Ohrensessel und starrte vor sich hin.
Es ödete ihn an, dieses wohlgeordnete Leben nach der Uhr. 22.30 Uhr. Noch genau eine halbe Stunde, dachte er, dann werde ich den Fernseher ausschalten und zu Bett gehen. Morgen werde ich zur gewohnten Zeit aufstehen, um die gleiche Zeit im Büro sein, wie an jedem Arbeitstag, werde um die gleiche Zeit Mittag machen, wie immer, werde pünktlich um 17.30 Uhr mein Büro verlassen…
Verzweiflung stieg in ihm auf. Er fühlte sich gefangen wie ein wildes Tier im Käfig. 22.45 Uhr. Ob er es heute Abend schaffen würde? Sein Herz fing an schneller zu schlagen. 22.55 Uhr. Feddersen legte die Fernbedienung vor sich auf den Boden und schob sie mutig mit einem kräftigen Fußtritt von sich weg. Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf: Wie konnte er sich zwingen, dem Zwang zu wiederstehen?
22.59 Uhr. Er klammerte seine Hände fest um die Sessellehnen. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Augen fixierten die Wohnzimmeruhr: Es war so weit. Genau 23 Uhr. Jetzt hieß es durchzuhalten!
Er fühlte panikartige Unruhe in sich aufsteigen. Seine Beine zuckten. “Nein, nicht aufstehen!”, schrie er ihnen in Gedanken zu. Seine Hände waren eiskalt, schmerzten vom krampfartigen Festhalten. Feddersen schloß die Augen. So war es besser auszuhalten. Er war stolz auf sich. Die erste Hürde war geschafft: Er hatte nicht pünktlich um 23 Uhr den Fernseher ausgeschaltet und war zu Bett gegangen! Und morgen würde er versuchen eine halbe Stunde später aufzustehen, würde mit einem späteren Bus zur Arbeit fahren. Er hatte ja gleitende Arbeitszeit, also kein Problem.
Arbeitsbeginn eine halbe Stunde später als sonst, bedeutete gleichzeitig: eine halbe Stunde später Mittag machen, als gewöhnlich, bedeutete aber vor allem - zur selben Zeit in der Kantine sitzen wie Frau Hinrichs von Zimmer 7! Er würde sie heimlich betrachten können, dreißig Minuten lang, ihr langes braunes Haar, ihren lieblichen Mund, ihre scheuen rehbraunen Augen.
Der Pförtner kam ihm in den Sinn. Was er wohl sagen würde, wenn der pünktliche Herr Feddersen morgen später als üblich die Firma verließ? Und Willy Otremba, würde sich bestimmt wundern, warum der nette Herr Feddersen nicht an der Bushaltestelle stand. Denn morgen würde er mit einem späteren Bus zur Arbeit und nach Hause fahren, würde andere Menschen im Bus sehen, als sonst. Neue, fremde Menschen! Sein Herz klopfte aufgeregt, seine Gedanken wurden mutiger.
Vielleicht würde er sogar morgen nicht auf direktem Wege nach Hause gehen, sondern in dem kleinen Bistro in der Goethestraße einkehren, sich an einen der zierlichen Tische setzen und ein halbes Hähnchen essen, anstatt sich zu Hause sein Essen selbst zu machen! Er könnte während dem Essen die Leute draußen beobachten, wie sie mit dem köstlichen Duft gegrillter Hähnchen in der Nase hungrig nach Hause eilten.
Eine Leichtigkeit ergriff Feddersen, wie er sie noch nie gefühlt hatte. Ein Gefühl, der Freiheit.
Ja, so würde er es machen, morgen. Er, Wolfram Feddersen, würde von nun an selbst über seine Zeit im Leben bestimmen, und nicht mehr länger die Uhr über sein Leben bestimmen lassen. Jawohl!
Freudig erregt öffnete Feddersen die Augen - und erschrak zutiefst: Schon 23.07 Uhr! Jetzt aber schnell ins Bett.

Ich interessiere mich sehr
für die Zukunft,
denn ich werde mit ihr
den Rest
meines Lebens verbringen.
( Milva )
Von Briefen und schnellen Frauen
Mein Bewerbungsgespräch beim WEST MAIL-Zustelldienst in Aldenhoven – um eine Stelle als Produktionsmitarbeiterin – steht unter keinem guten Stern. Ich drehe mich beim Beantworten der Fragen im Kreis, anstatt auf den Punkt zu kommen. Mein Gehirn ist wie vernebelt, keine Ahnung, warum. Ich fühle mich wie ein Außerirdischer, der sich dem Erdenmenschen nicht verständlich machen kann. Der Gesichtsausdruck von Herrn M. wirkt gequält, zeigt deutliches Befremden und starke Zweifel an meiner Eignung für diese Arbeitsstelle. Und als er seufzt und unschlüssig aus dem Fenster sieht, erlischt auch meine letzte kleine Hoffnung auf diesen 400 Euro-Job. Dann steht er abrupt auf, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu dem leger gekleideten, hoch gewachsenen Mann aufzusehen.
„Sie lassen mir keine andere Wahl“, sagt er. Seine blauen Augen blicken fest entschlossen auf mich herab und lassen keinen Widerspruch zu. „Ich werde Sie jetzt an eine EDV Anlage stellen und Probe arbeiten lassen. Wenn Sie einverstanden sind.“ Ich bin perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich nicke und folge ihm in die Eingangshalle, wo er mich vor dreißig Minuten, noch lächelnd, begrüßt hatte.
Der WEST MAIL-Zustelldienst ist ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Zeitungsverlage, hatte mir Herr M. zu Beginn unseres Gespräches erklärt. Die Briefe werden durch die Zeitungskuriere befördert und so an die Brief-Zusteller gebracht. WEST MAIL ist eine kostengünstige Alternative zur herkömmlichen Post und vornehmlich für Großversender interessant, die eine größere Anzahl von Briefen gleichzeitig versenden müssen, wie z.B. Sparkassen und Versicherungen, Schulen oder Gemeindeverwaltungen.
Indirekte Beleuchtung taucht die Halle in ein heimeliges Licht. Mir ist warm. Ich schwitze. Eifriges Tastengeklapper dringt an meine Ohren. Es kommt aus dem vorderen Teil der Halle, wo einige Damen konzentriert an Computern arbeiten. „Hier werden handschriftliche Adressen abgefertigt. Auch schlecht lesbare können durch unsere Scannertechnologie zum Empfänger befördert werden“, erklärt mir Herr M. „und hier“, er zeigt auf eine Gruppe von Frauen, die Briefe auseinandersortieren, „ hier werden die Adressen nach Ortskennzahlen vorsortiert, bevor sie eingescannt und abgefertigt werden.“ Er schnappt sich eine Ablageschale voller Kuverts mit gedruckten Adressen und führt mich zurück in die kleine, offene Halle in der Nähe seines Büros. Die Schale stellt er auf einen der kompakten, stählernen Tische, die jeweils mit einer Scanneranlage und einem Bildschirm verbunden sind. Eine junge Mitarbeiterin zeigt mir nun, wie an dieser Anlage gearbeitet wird. Ich bin fasziniert von der Schnelligkeit, mit der sie die Briefe abfertigt. Dann muss ich sie ablösen. Herr M. erklärt mir geduldig jeden Arbeitsschritt, vom genauen Auflegen des Kuverts auf das Scannerauge, über die Adressenkontrolle am Bildschirm bis hin zum Ausdrucken und Befestigen des Kennziffer-Aufklebers. Ich komme nur mühsam voran und schaffe es nicht, wie gewünscht, meine linke und rechte Hand gleichzeitig verschiedene Handlungen ausführen zu lassen. Mein erster Aufkleber sitzt nicht dort, wo er hin soll. Herr M. zeigt mir, wie ich ihn gezielter anbringen kann. Ich beherzige seinen Rat und das nächste Etikett sitzt tatsächlich an der richtigen Stelle. Herr M. hat wohl genug gesehen, denn nun führt er mich von der Anlage weg in einen Raum mit weiß lackierten Korbgestellen, die aus einzelnen, mit Ziffern versehenen Ablagekörbchen zusammengesetzt sind. Er erklärt mir, wie hier anhand der Kennziffern auf dem Etikett die Briefe nach Teilbezirken einsortiert werden und dass der Inhalt der Körbchen in jeweils einen gekennzeichneten Umschlag verpackt werden muss, bevor die Kurierfahrer am späten Abend die Post abholen. Das klingt logisch und einfach. Ich nicke verstehend.
Dann führt er mich wieder in sein Büro. Seine Miene wirkt verwundert und nachdenklich zugleich. Er informiert mich noch über Hauptarbeitszeit am Nachmittag, gewünschte Flexibilität, Arbeitspensum, Gehalt, Urlaubsanspruch etc. und beendet dann unseren Termin mit „Ich habe noch eine große Anzahl an Bewerbungsgesprächen durchzuführen, werde Ihnen aber auf alle Fälle meine Entscheidung innerhalb der nächsten Wochen mitteilen.“ Er sieht abgekämpft aus.
Galant bringt er mich zur Ausgangstür und verabschiedet sich mit einem festen Händedruck von mir. Dem Händedruck eines Vorgesetzten, der die Mitarbeiter für sein Team gewissenhaft und mit Argusaugen auswählen muss, um einen reibungslosen Ablauf dieses Zustelldienstes gewährleisten zu können. Ich bin beeindruckt. Und würde gerne zu seinem emsigen Team gehören.
( NACHTRAG: Ich habe den Job zwar nicht bekommen, aber dennoch an dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn M. der mir durch seine Aufforderung zum “Probearbeiten” unbewusst die Möglichkeit gegeben hatte, dieses Bewerbungsgespräch für die noch ausstehende Reportage-Aufgabe meines Sach/Fachliteraturstudiums zu nutzen. So war meine Bewerbung beim Zustelldienst, trotz Absage, nicht vergebens. )
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