Je älter man wird,
desto ähnlicher wird man
sich selbst.
( Maurice Chevalier )
Je älter man wird,
desto ähnlicher wird man
sich selbst.
( Maurice Chevalier )
Unverhofftes Wiedersehen
Dem lästigen Umstand, dass nach meinem Umzug mein Telefonanschluss noch nicht frei geschaltet worden war, hatte ich es zu verdanken, dass ich, um meinen Zahnarzt zu erreichen, an einem verregneten Herbstnachmittag vor der einzigen Telefonzelle unseres Dorfes anstehen und unfreiwillig den Anruf einer jungen Frau mit anhören musste, die lautstark jemandem ihre Urlaubserinnerungen erzählte. „…ja, jeden Tag über 30 Grad, und strahlend blauer Himmel! Und das Meer schimmert türkisfarben rund um Karpasia.“Aha. Auf der Halbinsel Karpasia war sie gewesen. Nordzypern also. „…nein, nur Sandstrand, kilometerlang!…ja, ich bin schön gebräunt.“Schön gebräunt? Sie sah eher aus wie „weiß gestrichen“!„Und heute hab ich die Klosterruinen von Bellapais besichtigt und…“
Heute? Wieso heute? – Langsam verstand ich: dieses kleine Biest schwindelte jemandem vor, sie wäre auf Zypern in Urlaub! Und für diese Lügengeschichte stand ich mir hier die Beine in den Bauch und musste mich vom Regen durchfeuchten lassen. Energisch hämmerte ich mit meinen Fingerknöcheln an die Scheibe.
„Oh“, sagte sie mit einem entsetzten Seitenblick auf mich, „ich muss jetzt leider Schluss machen, es steht jemand vor der Telefonzelle, der dringend telefonieren muss…ja, danke, bis dann. Tschüss!“
Fluchtartig verließ sie die Telefonzelle und eilte an mir vorbei.
`Die kenn ich doch von irgendwoher!´, dachte ich überrascht, erledigte schnell meinen Anruf, kämpfte mich dann durch den stärker werdenden Regen zurück zu meiner Wohnung und versuchte mich zu erinnern, woher ich die junge Frau kannte: braun-rotes Haar, zierliche Figur, diese kränklich-blasse Hautfarbe…es wollte mir einfach nicht einfallen.
Zwei Tage später sah ich sie unverhofft im Supermarkt wieder. Sie stand vor der Brottheke und unterhielt sich angeregt mit Frau Weimers, der Mutter meiner ehemaligen Schulkameradin - oder damals eher „Erzfeindin“ - Katrin Weimers. `Ist das etwa…Ja, klar!´ Die junge Frau war Katrin. Ich hatte sie an der Telefonzelle nicht erkannt, weil sie anstatt ihrer „Löwenmähne“ mittlerweile eine Kurzhaarfrisur trug! Damals war ich oft neidisch gewesen auf ihre üppige Haarpracht und ihre zierliche Figur, wogegen sie stets neidvoll auf meinen gut entwickelten Busen schielte und vor Wut gehässig überschäumte, wenn ich bessere Noten schrieb, als sie. Unsere zänkischen Gefechte lagen nun schon neun Jahre zurück, und es erschien mir als zu kindisch, dieses Kriegsbeil wieder auszugraben. Aber ich war dennoch neugierig, warum sie in der Telefonzelle das Blaue vom Himmel herunter gelogen hatte.Als ob sie meinen Blick gespürt hätte, drehte sie sich zu mir um. Ihre braunen Kulleraugen weiteten sich entsetzt, als ich auf sie zuging.„Ja, guten Morgen Katrin!“, begrüßte ich sie im freundschaftlichen Plauderton, nickte auch ihrer Mutter beiläufig grüssend zu, „ tut mir leid, dass ich dich vorgestern nicht erkannt hab, als du…“„Ich hab dich auch nicht gleich erkannt!“, fiel sie mir sichtlich nervös ins Wort und erklärte ihrer Mutter: „Wir sind uns nämlich vor zwei Tagen im Dorf begegnet, weißt du, als ich mit Harro seine Runde gegangen bin. Claudia ging auf der anderen Straßenseite und erst als sie schon vorbei war, dachte ich: Mensch, war das nicht Claudia? Ich drehte mich noch mal um, aber…“„…weil ich schon in der Telefonzelle stand, konntest du mich nicht mehr sehen“, log ich für sie weiter, machte mich zu ihrem Komplizen.„Leider hab ich es jetzt sehr eilig, Katrin, aber komm doch heute Nachmittag auf ne Tasse Kaffee zu mir! Seit ein paar Tagen wohne ich wieder hier im Dorf. Hauptstrasse 23, erste Etage, so um drei Uhr“, und setzte augenzwinkernd hinzu, „ dann können wir uns in Ruhe was erzählen.“
„Ja, aber gerne“, antwortete sie scheinbar erfreut, dem neugierigen Blick ihrer Mutter ausweichend, und zwinkerte verschwörerisch zurück.
„Also erst mal danke, Claudia, dass du heute morgen diese kleine Komödie mitgespielt hast!“, stürzte sie zum vereinbarten Zeitpunkt wie gehetzt an mir vorbei in meine Wohnung, „ich weiß, dass du meinen Anruf mit angehört hast, hab zu spät bemerkt, dass die Tür einen Spalt offen stand, und du bist bestimmt neugierig, warum ich vorgetäuscht hatte, ich wäre auf Zypern, das hab ich meiner Arbeitskollegin vorgelogen weil, also, das kam so.“Leise schloss ich die Wohnungstür und ließ, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ihre Tirade amüsiert über mich ergehen. „…und da bin ich vor Wut fast geplatzt, und um ihr das arrogante spöttische Lächeln aus dem Gesicht zu treiben, hab ich ihr dann vorgelogen, ich würde zwei Wochen auf Zypern Urlaub machen, und den neidisch-säuerlichen Gesichtsausdruck von Frau Dohr, den hab ich so genossen, Claudia, dass ich ihr auch noch versprochen habe, ich rufe mal kurz von da an. Und wenn sie merkt, dass ich ihr was vorgespielt habe, redet die n i e wieder ein Wort mit mir! Dann hab ich endlich Ruhe vor ihrer spitzen Zunge!“ Mit einem befreienden Luft auspusten beendete Katrin ihr „Plädoyer in eigener Sache“ und sah mich unsicher an. Einer plötzlichen Eingebung folgend hakte ich meinen linken Arm in ihren rechten und sagte mit übertrieben theatralisch betonten Worten: „Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau, dann würde ich jetzt den Kaffee aber lieber sitzend auf dem Küchenstuhl als stehend im Wohnflur einnehmen!“
Sie lachte laut los und gab, sichtlich erleichtert, zurück: „Mir war schon bange, Madame wolle mich hier im Wohnflur abservieren.“
Und so schmolz auch der letzte Rest des Eises hinweg, das wir während unserer gemeinsamen Schulzeit so unsinniger Weise zwischen uns aufgetürmt hatten. Und machte Platz – für eine herzliche Freundschaft, die wir beide niemals für möglich gehalten hatten.
Man muss die Zukunft
im Sinn haben -
und die Vergangenheit
in den Akten.
( Talleyrand)
Verspieltes Glück
Er hatte erstmals kein einziges Spiel gewinnen können, hatte Schulden gemacht, wie angeklebt auf seinem Stuhl gesessen, Zeit und Raum vergessen. Noch ein letztes Spiel. Und dann noch eines. Und noch eines… Schweißperlen rannen ihm übers Gesicht, so sehr hatte es ihn angestrengt irgendwann vom Spieltisch aufzustehen und das Casino zu verlassen.
Ziellos lief er durch die dunklen Straßen, im verzweifelten Bemühen sich so der bitteren Erkenntnis entziehen zu können. Doch es gab kein Entrinnen. “Ich bin spielsüchtig”, hämmerte es in seinem Kopf. Liz hatte recht gehabt. Er schämte sich dafür, dass er ihre Besorgnis nie ernst genommen hatte. Und sie stattdessen behandelt hatte wie ein aufgeregtes Kind, das man in den Arm nimmt und beruhigend streichelt. Er seufzte verzweifelt auf.
Bestimmt lag sie schon im Bett und schlief. Er würde sie aufwecken, sich bei ihr entschuldigen. Liz war eine starke Frau. Und sie liebte ihn noch immer, trotz allem. Sie würde an seiner Seite stehen, ihm die Kraft geben, die ihm selbst fehlte um diese Sucht zu bekämpfen. Liz, seine Liz, sie war das einzig wahre Glück in seinem Leben. Fast hätte er es verspielt. Wie ein geprügelter Hund trottete er langsam nach Hause.
Beim Betreten der Wohnung beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Das spärliche Flurlicht war nicht eingeschaltet. Alles war dunkel. Und totenstill. Mit zitternden Fingern knipste er in jedem Zimmer den Lichtschalter an. Liz war nicht da. Auf dem Küchentisch lag ein Bogen beschriebenes Papier:
“Geliebter Tom
Lange habe ich mich mit dieser Entscheidung gequält. Zu sehr schmerzte mich der Gedanke, nie mehr deine Arme um mich fühlen zu können, nie mehr deinen Mund auf meinen Lippen zu spüren, nie mehr in deine blaue Augen blicken zu dürfen, die mit ihrem zärtlichen Blick mein Herz so unendlich wärmen können. Ich liebe dich sehr, aber ich habe keine Kraft mehr, diese ständigen Ängste zu ertragen, die deine Spielleidenschaft in unser Leben gebracht hat. Jede Nacht redest du im Schlaf. Sitzt sogar in deinen Träumen am Spieltisch. Du brauchst dringend Hilfe, Tom! Und ich bin sehr verzweifelt, dass ich hilflos zusehen muss, wie die Spielerei dich kaputt macht. Uns, kaputt macht.
Ich verlasse dich, Tom. Es tut mir sehr weh, aber ich habe keine Kraft mehr für ein gemeinsames Leben mit dir. Ich werde den letzten Nachtzug nehmen und vorerst bei meinen Eltern wohnen. Leb wohl.
In Liebe. Liz.”
In panischer Angst rannte er los um den Zug noch rechtzeitig zu erreichen. Kam völlig aufgelöst und nach Atem ringend am Bahnsteig an. Und konnte nur noch ungläubig auf die sich schließenden Zugtüren starren. Dann rollte der Zug auch schon, fast lautlos, wie von Geisterhand gezogen aus der Halle. Und entführte Liz aus seinem Leben.
`Zu spät´, hallte das Unfassbare in seinem Kopf. Er sah ihre Augen vor sich, die so geheimnisvoll schimmerten wie ein von dichtem Wald umsäumter Bergsee…Jetzt würden sie ihn nie mehr liebevoll anstrahlen, ihm nie mehr Mut und Kraft geben. Er hatte verspielt. Das größte Glück seines Lebens verspielt.
Mit müdem Schritt verließ er das grell beleuchtete Bahnhofsgebäude und trat hinaus, in die Dunkelheit der Nacht.
Die Wohnung wirkte leblos und fremd, ohne Liz. Mutlos sank er aufs Sofa. Fühlte sich wie ausgebrannt. Vorsichtig, als wäre es aus Porzellan, nahm er das bernsteinfarbene Sofakissen in beide Hände und drückte es sanft an sein Gesicht. Er roch noch einen Hauch ihres Parfums, sog den Duft tief in sich ein, als könnte er Liz so zu sich zurückholen. Dann weinte er sich all seine Verzweiflung aus dem Leib.
Stunden später raffte er sich auf, nahm Papier und Stift und begann zu schreiben:
“Geliebte Liz
Ich hatte meine Augen vor der Wahrheit verschlossen und schäme mich sehr dafür, dass ich deine Besorgnis nie ernst genommen habe. Bitte verzeih mir! Ich werde mich in ärztliche Hände begeben. Erst wenn ich es geschafft habe gegen meine Spielsucht erfolgreich anzukämpfen, erst dann werde ich dir wieder in deine wunderschönen Augen blicken können, ohne mich zu schämen. Und dann könnten wir ein neues Leben beginnen, wieder in unsere kleine Heimatstadt zurückkehren. Und dort das Leben führen, das du dir immer gewünscht hast - wenn du mich noch willst? Bitte gib uns noch diese letzte Chance! Bitte warte auf mich. Ich vermisse dich. Ich brauche dich.
Ich liebe dich. Dein Tom”
Der Morgen begann schon zu dämmern. Kalter, feuchter Nebel schlug ihm entgegen. Wie ein Kleinod hielt er den Brief in beiden Händen. `Bitte, Gott, bitte lass es nicht zu spät sein!´flüsterte er flehend zum Himmel hinauf, und schob den Brief in den Postkasten. Hörte ihn hineinfallen.
Dann schritt er mit bangem Gefühl im Herzen in den erwachenden Morgen hinein. Mit der bedrückenden Gewissheit, sein größtes Glück leichtsinnig verspielt zu haben. Mit der Hoffnung, dass Liz ihm noch dieses eine Mal verzeihen könne. Und mit der Sehnsucht in sich, sie wieder in seine Arme schließen zu dürfen und seinen Blick wieder eintauchen zu können - in ihre geheimnisvoll schimmernden, vom Grün des Waldes dicht umsäumten Bergseeaugen…
Wenn Sehnsucht dich treibt
Schon seit zwei Stunden höre ich mir nun dieses Gerede an. Mein Bedarf an Informationen über gesunde Ernährung ist lange gedeckt.
Mehr und mehr schweifen meine Gedanken ab. Ich denke, an sie. Kann ihre Nähe förmlich spüren. Sehne mich danach, ihre schlanke Gestalt zu berühren, meine Lippen mit den ihren verschmelzen zu lassen. Mein Herz pocht erwartungsvoll. Ich halte es nicht mehr aus. Muss hier raus. Schnell.
Ruckartig springe ich auf, kämpfe mich durch die Stuhlreihe nach vorne zum Gang, entschuldige mich gehetzt bei jedem Fuss, der unter meinem hastigen Aufbruch schmerzvoll leiden muss. Entsetzt aufgerissene Augenpaare brennen mir ein Loch in den Rücken. Klar, habe ich bemerkt, dass die Ernährungsberaterin ihren Redeschwall kurz unterbrochen hat und jetzt mit deutlich pikiertem Ton in der Stimme weiterredet! Ist mir egal, was sie jetzt von mir denkt. Mit entschlossenem Schritt verlasse ich den Saal, die Tür fällt dankend hinter mir ins Schloss. Die Sehnsucht treibt mich vorwärts. Mein Herz klopft. Endlich draussen! Geschafft.
Kühle Abendluft empfängt mich und streichelt zärtlich mein Gesicht. Die Vorfreude weitet meine Lippen zu einem freudigen Lächeln. Ich weiß genau, wo sie ist! Ich brauche nicht lange nach ihr zu suchen.
Sehnsüchtig umfasse ich ihre hochgeschlossene Gestalt - und kann mich nicht länger beherrschen. Mein Feuer greift auf sie über, deutlich sehe ich die Glut in ihren Augen. Ich sauge an ihren Lippen, atme gierig ihren vertrauten Duft ein. Und atme dann kräftig aus.
Sehe zufrieden und entspannt, den kleinen, blauen, Rauchwölkchen hinterher.
…Manchmal musst du weinen,
bis du wieder lachst,
manchmal musst du leiden,
bis du wieder
Flügel hast…
( aus “Ja, ich will” - gesungen von Peter Maffay; Text von Lukas Hilbert; )
Der Raum ist sehr groß, hoch, wahrscheinlich eine Halle. Es ist sehr hell. Nicht grell hell, eher weiß hell. Überall stehen Tische, so niedrig wie Couchtische, so lang wie Tapeziertische. Aus hellem Kieferholz, auf geschwungenen, edel aussehenden Beinen. Auf den Tischen liegen Briefe, ordentlich aufeinander gelegt zu mehreren Stapeln bedecken sie eine Kopfseite des Tisches. Daneben liegt ein Bogen Papier ausgebreitet, grau-weiß, ähnlich der Innenseite eines Geschenkpapier-Bogens. Eine Hand streicht immer wieder sanft über das Papier. Ich weiß, dass es die Hand eines jungen Mädchens ist. Obwohl ich es nicht sehen kann.
Ihr schräg gegenüber am anderen Kopfende steht eine junge Frau. Sie hat lange schwarze, glatte Haare, in der Mitte gescheitelt. Vor ihr auf dem Tisch stehen drei Porzellanschalen, ineinandergestapelt. Sie sind geformt wie Müslischalen. Von außen sind sie schlicht weiß, am oberen Rand kann ich jeweils einen zart-bunten Dekorrand erkennen. In der obersten Schale kann ich innendrin ein Muster sehen. Rot, grün, gelb, sieht weihnachtlich aus. Das Mädchen mit den schwarzen Haaren streichelt die Schalen zärtlich mit ihren Händen. Sie lächelt dabei. Und redet , erzählt irgendetwas. Ich kann nicht verstehen, was sie sagt. Sehe nur, dass sie sich freut, während sie erzählt. Sie erzählt es dem jungen Mädchen, dass mit den Händen immer noch sanft über den Papierbogen streicht. Erzählt es dem Mädchen, von dem ich weiß, dass es da ist, obwohl ich es nicht sehen kann. Die beiden unterhalten sich, während ihre Hände weiter streicheln. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber ich spüre deutlich, dass sie sich freuen, über das, was sie erzählen. Ich freue mich mit ihnen. Es ist schön sich zu freuen, ohne dafür einen Grund haben zu müssen. Das Gefühl der Freude erfüllt jeden Millimeter meines Körpers. Mir ist, als ob ich vor Freude schweben würde.
Ich werde wach. Mein Herz rast. Beruhigt sich schnell wieder. Ich fühle mich seltsam ausgeglichen. Ausgewogen. Im Einklang mit mir. Und frage mich, wo ich eben gewesen bin.
Vielleicht in meinem Unterbewusstsein, das mir vermitteln wollte, dass es langsam Zeit wird Weihnachtsgeschenke einzukaufen?… Keine Ahnung.
Vielleicht kommt ja irgendwann mal ein “Traumdeuter” hier in meinem Weblog vorbei, und klärt mich auf, über meinen seltsam schönen Traum.
Ich mag den Herrn Hahne. Oder, genauer ausgedrückt, ich mag seine “Gedanken zum Sonntag” die er sich allwöchentlich in der BILD am Sonntag macht. Er hat eine ganz eigene Art allgemeine oder aktuelle Sachverhalte zu schildern, seine eigene Meinung darüber kurz und bündig und ohne “erhobenen Zeigefinger” miteinfliessen zu lassen und zudem den Leser “zwischen den Zeilen” zum Nachdenken zu animieren, so dass man auch die “ungeschriebenen Worte” lesen kann - gesetzt den Fall der Leser hat, so wie ich, Spaß daran, die Gedankengänge des Herrn Hahne weiterzutreiben… Denn die eigentliche Botschaft seiner “Gedanken zum Sonntag” steckt immer in all dem, was er NICHT geschrieben hat…
Sein heutiges Thema dreht sich um den Vergewaltiger, dem es gelungen war während seines Hofgangs auf das Dach des Dresdener Justizgebäudes zu entkommen, um dort mehr als zwanzig Stunden lang ein Heer von Polizieeinsatzkräften der Macht zu entheben ihn schnellstens wieder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Er hat dafür gesorgt, dass die Justiz anstatt pflichtgetreu für Zucht und Ordnung zu sorgen, wie gelähmt, handlungsunfähig zu ihm empor sah. Er hat sie zum Gespött gemacht, weil sie ihn - anstatt vom Dach zu holen und einzusperren - mit Nahrung und guten Worten, mit therapheutischem Beistand versorgt und sich für viele Stunden seinem Willen untergeordnet haben.
Man ist empört, über diese Unfähigkeit der Polizei, den Verbrecher möglichst schnell wieder in Gewahrsam zu kriegen. Das Vertrauen in unsere Justiz ist erschüttert.
Oder?
Was wäre wenn… ein Scharfschütze ihm einen gezielten Schuß verpasst hätte, der ihn nicht getötet, aber lahm gelegt hätte … oder einen Betäubungsschuss, der ihn so müde macht, dass er binnen kurzer Zeit problemlos wieder in Haft hätte genommen werden können - so wie Großwildjäger ein wildes Tier betäuben um es in Besitz nehmen zu können…
Was wäre gewesen, wenn die Polizei in dieser Art gehandelt und dem Verbrecher somit die Chance gegeben hätte der Justiz ein letztes Schnippchen zu schlagen, in dem er sich verwundet vom Dach stürzt, somit die Justiz zum Mörder gemacht hätte und er selbst damit seiner gerechten Strafe entkommen wäre…? Wie würden dann die Schlagzeilen lauten? :
…” JUSTIZSKANDAL IN DRESDEN ! Scharfschütze treibt Sträfling in den Selbstmord! Ist unsere Polizei ungenügend geschult?”
???
Hätte das Ansehen unserer Polizei in diesem Falle vielleicht mehr Schaden genommen? War es vielleicht doch besser sich durch das langsam, behäbige Handeln in kleinen Schritten dem Spott der Masse auszusetzen - anstatt als “barbarisches Abknallkommando” die Basis der Justiz in Frage zu stellen?
Alles hat zwei Seiten…
….so wie Herrn Hahnes “Gedanken zum Sonntag”
Leben heißt…
nach jedem Hinfallen
wieder aufzustehen
Sprachlos
“Kramer.” - Keine Antwort. - ”Halloooo?”
“…….Hallo Brigitte.”
“Ja? Wer spricht da?”
“Ich bin´s”.
“Ähm…”
“Du erkennst meine Stimme nicht?”
Nein. Sollte sie? “Äh…sie kommt mir zwar bekannt vor, aber im Moment weiß ich nicht so recht…”
“Schade. Ich habe also nicht so einen nachhaltigen Eindruck bei dir hinterlassen, wie du, bei mir?”
“Wir kennen uns? Dann liegt es bestimmt am Telefon, dass ich deine Stimme nicht…tut mir leid, hilf mir doch mal auf die Sprünge, bitte.”
“Letzten Samstag, im Starfield, an der Theke, ich bin´s Joachim!”
“Aaahh. Na klar! Im Starfield ist es immer so laut, darum habe ich deine Stimme wohl am Telefon nicht gleich wieder erkannt. Sorry, Joachim, nimms nicht persönlich.” - Wer war Joachim? Sie konnte sich nicht erinnern.
“Ja, es war wieder ziemlich laut dort. Deine Stimme klingt am Telefon noch schöner, als ich sie in Erinnerung habe. Ich hatte solche Sehnsucht danach, wieder mit dir zu sprechen. Ich fand unsere Unterhaltung sehr anregend. Schade dass du schon gehen musstest, ich hätte dich gerne näher kennen gelernt. Ich glaube, wir sind füreinander bestimmt.”
Oh, Gott! Langsam dämmerte ihr, wen sie da an der Strippe hatte. Es verschlug ihr die Sprache.
“Brigitte? Du bist so still. Sag doch was. Ich weiß, du fühlst genau so wie ich. Ich konnte es ganz deutlich spüren. Wir haben uns gesucht, und gefunden.”
Sie konnte sich gerade noch abbremsen, um nicht laut zu lachen. Es war wohl eher so gewesen, dass Joachim sie gesucht und dann an der Theke gefunden hatte. Obwohl sie ihm bewusst den ganzen Abend über aus dem Weg gegangen war, weil ihr seine schmachtenden Blicke unangenehm waren. Als er sie dann doch noch aufgespürte und ansprach, hatte sie ein paar belanglose Worte mit ihm gewechselt. Weil er ihr leid tat, er war scheinbar alleine in der Disco und fand keinen Anschluss. Als ihr klar wurde, dass sie ihn den Rest des Abends nicht mehr loswerden würde, war sie mit einem “Muss jetzt leider gehen, muss Morgen früh raus, Tschüss, machs gut” - aus dem Starfield geflüchtet.
“Brigitte? Bist du noch dran? Wir müssen uns unbedingt wiedersehen und unsere Begegnung vertiefen. Hast du heute Abend Zeit? Ich würde dich dann so gegen 20 Uhr bei dir zu Hause abholen.”
Woher hatte er ihre Adresse? Und ihre Telefonnummer? Ihr wurde mulmig zumute. Es war wohl an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Sie gab sich einen Ruck. “Hör mal, Joachim. Es war ja ganz nett mit dir zu plaudern, aber mehr möchte ich nicht, okay?”
“Ist schon okay. Ich werde dir natürlich die Zeit geben, die du brauchst. Dann plaudern wir eben nur. Kann ich dich denn so gegen 20 Uhr abholen? Wir könnten irgendwo was essen und dann gehen wir es ganz langsam an.”
Sie war wohl nicht deutlich genug gewesen. “Joachim. Ich möchte mich nicht mir dir treffen! Ich habe kein Interesse daran, dich näher kennen zu lernen. Bitte akzeptier´ das!”
“Aber, wir können doch nicht einfach so auseinander gehen, als wäre nichts gewesen!”
“Joachim, da ist nichts gewesen, zwischen uns! Wir haben uns doch nur ein wenig unterhalten, mehr nicht.”
“Mehr nicht? Oh, Brigitte, es ist dir nur noch nicht bewusst: wir haben uns ineinander verliebt!”
Jetzt wurde es ihr langsam zu bunt. “Joachim, bitte, ich will nicht unhöflich werden. Lass uns das Gespräch jetzt im Guten beenden. Ich bin nicht in dich verliebt und möchte auch keinen weiteren Kontakt zu dir!”
Stille. War sie jetzt zu hart gewesen?
“Joachim”, versuchte sie es in sanfterem Ton, “tut mir leid, dass ich so direkt sein muss, aber ich möchte nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst. Sieh mal, es wäre nicht fair von mir, wenn ich mich mit dir treffen würde, dir damit Hoffnungen mache, die ich aber nicht erfüllen möchte.”
” …Ja, das ist wirklich fair von dir.”
Sie atmete auf. “Also dann, Joachim, ich wünsche dir alles Gute. Nichts für ungut, okay?”
“Ja, nichts für ungut. Okay. Ich hätte da wohl noch eine Frage…”
Seine Stimme klang bedrückt. Er tat ihr leid. Sie gab ihrer Stimme einen mütterlich-verstehenden Klang. “Ja, klar, frag nur.”
” Das Mädchen hinter der Bar, weißt du, die mit den brünetten langen Haaren…”
Brigitte stutzte. “Du meinst, Carla?”. Was hatte Carla mit all dem zu tun? Oder hatte die ihm etwa Brigittes vollen Namen gesteckt, so dass er mühelos ihre Telefonnummer herausfinden konnte?
“Ja, genau! Carla Bachner, die meine ich.”
“Nein, nicht Bachner, die heißt Höferer mit Nachnamen.”
“Aha…Danke.” - Klick.
Infrarot-Heizstrahler
Nichts ist wohliger als die warmen Strahlen der Sonne, außer unseren Infrarot-Heizstrahlern