September 2006


Alltag and Geschichten27 Sep 2006 10:32 am

Stunde der Wahrheit
 

Nur noch zwölf Minuten, dann wird es genau 16 Uhr sein – und wir  werden uns zum ersten Mal in die Augen sehen. Ich schaue auf die andere Straßenseite hinüber, zum vereinbarten Treffpunkt, zum Stadtcafe. Mein Herz pocht laut.
Wie er wohl aussieht? Er hat kein Bild von sich auf seinen Online-Steckbrief gesetzt, nur einige schriftliche Angaben zu seinem Äußeren gemacht.
Ist mir aber auch nicht so wichtig, wie er aussieht. Wichtig  sind nur diese einfühlsamen Mails, die er mir geschrieben hat. Stets verständnisvoll für all meine kleinen Probleme und er wünscht sich sehnlichst eine Familie, genauso wie ich. Wir haben das gleiche Ziel, bestimmt passen Lothar und ich sehr gut zusammen.
Mir kommt es vor als wenn ich ihn schon ewig kennen würde. Kein Wunder, wo wir uns doch seit drei Wochen mehrmals täglich endlos lange Mails schreiben.
Bald werden wir uns das erste Mal Auge in Auge gegenübersitzen.
Nur noch neun Minuten. Mein Herz rast.
 

Über sein liebstes Hobby, das Fallschirmspringen, werden wir allerdings ernsthaft reden müssen. Das ist doch viel zu gefährlich! Bestimmt wird er es aufgeben. Mir zuliebe. Ich will ja nicht schon früh Witwe werden, und alleine zurück bleiben, mit den beiden Kindern, die wir bestimmt bald haben werden.  
Hab ich auch die weiße Nelke eingepackt? Besser, ich sehe noch einmal nach. Zum fünften Mal innerhalb der letzten Stunde. Natürlich liegt sie unverändert an ihrem Platz, im vordersten Fach meiner Handtasche. Griffbereit schon seit Stunden. Wird schon langsam welk, das Erkennungszeichen für unser Blind Date.                                                                                              
Noch sieben Minuten.                                                                                                                                                                                        
Ob es wohl Liebe auf den ersten Blick sein wird? Mir wird ganz warm ums Herz, bei dem Gedanken daran.
Unauffällig betrachte ich noch einmal mein Spiegelbild in einem der Schaufenster. Bin zufrieden, mit dem was ich sehe. Meine Frisur umschmeichelt elegant mein Gesicht.
Vielleicht mag er es ja lieber ein wenig zerzaust?
Vorsichtig zupfe ich einige Strähnen aus der kompakten Frisur und ziehe sie sanft nach vorne, ins Gesicht.
Na ja, das sieht dann wohl doch etwas zu wild aus.
Ich glätte die Strähnen wieder zurück an ihren ursprünglichen Platz. So ist es besser.
Lasse meinen Blick im Fenster noch einmal über meine Silhouette schweifen. Bin stolz auf mich. Meine Figur ist makellos.  Nur oben, da fehlt es mir ein wenig an weiblichen Rundungen.
Ob ihm das wohl ausreichen wird?
 Tja, er wird mich schon so nehmen müssen, wie ich bin! Ja, bestimmt wird er das tun.
Oder? Was, wenn ihm mein Äußeres nicht gefällt?
Oder was, wenn er…MIR nicht gefällt?
Ein mulmiges Gefühl schleicht sich in meine Magengegend.
Noch fünf Minuten.
Eine Passantin quält sich mit ihrem Kinderwagen an mir vorbei. Rücksichtsvoll trete ich einen Schritt zurück, um ihr mehr Platz zu verschaffen. Die junge Frau nickt mir dankbar zu, während sie versucht ihren schreienden Säugling mit beruhigenden Worten zu besänftigen. Erfolglos.
Ich sehe ihr mit gemischten Gefühlen hinterher.
Wenn ich es mir so recht überlege, dann eilt es mir eigentlich nicht so sehr, mit dem Kinder kriegen. Bin ja erst zweiunddreißig. Hat schon noch ein paar Jahre Zeit. Lothar und ich, wir sollten besser erst einmal unsere Zeit zu zweit genießen, bevor wir die Familienplanung angehen. Und zu allererst, müssen wir uns natürlich besser kennen lernen. Das wird ja auch einige Zeit dauern. Vielleicht stellen wir auf einmal fest, dass wir nicht zueinander passen? Diese Möglichkeit hatte ich bisher nicht bedacht.
Wenn ich mal ganz ehrlich bin, dann ist es nicht nur sein Hang zur Fallschirmspringerei, der mir nicht angenehm ist. Auch seine Vorliebe für ausgedehnte Bergwanderungen kann ich nicht mit ihm teilen. Mehr als einen netten, kurzen, gemütlichen Spaziergang werde ich mir nicht abringen können. Und dass er zweimal in der Woche ins Fitness-Center geht, das ist  mir auch ein Dorn im Auge! Man hört ja immer wieder solche Geschichten darüber, was da so abgeht zwischen den Leutchen, nach dem Training, beim Duschen, und so.
Vielleicht geht er ja nicht in erster Linie zum Training dort hin? Ist er womöglich einer von denen, die sich einen Spaß daraus machen, zu mehreren Frauen Kontakt zu haben? Eine fürs Haus, eine fürs Büro, eine fürs Bett?
Vielleicht hat er mich mit seinen einfühlsamen Mails nur blenden wollen?
„Haarfarbe: schwarz; Augenfarbe: blau; Schnauzer; 1,80 m groß; trainierte Figur“ – soweit die Angaben aus seinem Online-Steckbrief. Warum fällt mir das erst jetzt auf? Wer so attraktiv aussieht, der hat es doch nicht nötig über das Internet eine Frau zu suchen? Wer so gut aussieht wie der und regelmäßig ins Fitness-Center geht, ist doch klar, was der von mir will: Eine Bettgeschichte, mehr nicht!
Wie hatte ich nur so naiv sein können.
                                                                                           
Die Rathausuhr reißt mich rapide aus meinen Gedanken. Laut und drohend gongt sie erbarmungslos vier Mal. Genau 16 Uhr, will sie mir sagen.
Ich sehe grimmig zur anderen Straßenseite hinüber, zum Stadtcafe. Mein Herz rast nicht mehr. Kein Grund mehr zur Aufregung. Ich weiß, was ich zu tun habe. Gebe mir einen Ruck. Und mache mich fest entschlossen auf den Weg – nach Hause. Erleichtert.
Puh, noch mal gerade so rechtzeitig die Kurve gekriegt.

  
( “Stunde der Wahrheit” erscheint im Dezember 2006 in der Autoren-Anthologie “Kranichherz” / Engelsdorfer Verlag ) 


                             
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zitate/"Weisheiten"19 Sep 2006 11:18 am

” Hast du schon jemals versucht,

die Sterne zu zählen ?

Du wirst es nie können.

Du wirst auch niemals erfahren,

wieviel Körner ein Pfund Sand hat.

Genauso ist es mit

der Liebe… “

 

( Autor ist mir nicht bekannt )

Allgemein18 Sep 2006 11:30 am

 

“Nicht drumherum gehen, sondern rein gehen” - so lautete die Botschaft, die unser Herr Pastor dieses Jahr zu Pfingsten predigte. In der Regel wirken seine Predigten so beruhigend auf mich, dass ich zwar alles mit anhöre, aber hinter her nicht mehr wiedergeben könnte, was er gesagt hat. Doch in diesem Fall war es anders.

Dieser Satz brannte sich Wort für Wort in mein Hirn. Vielleicht deshalb, weil er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Denn ich zog mir den “Schuh” sofort an, meine meist blässliche Gesichtsfarbe verwandelte sich von jetzt auf gleich in ein rosiges Rot.

Mir war unheimlich zumute. Er hatte mich gemeint, der Herr Pastor. Da war ich mir absolut sicher. Aber woher wusste er, das ich schon wochenlang meine Hausaufgabe fürs Fernstudium vor mir herschob? Und wer hatte ihm geflüstert, dass ich schon seit Jahren einen Bogen um meinen mit Gerümpel voll gepackten Keller mache, drumherum gehe, anstatt “rein zu gehen” und mir diesen unnötigen Ballast endlich vom Hals zu schaffen? Woher wusste er, dass ich es schon monatelang vor mir herschob, den Wänden in unserem Wohnzimmer endlich wieder einen sauberen, frischen Anstrich zu verpassen, nur weil ich zu träge war, mich endlich für eine Farbe zu entscheiden? 

Ich fühlte mich ertappt und ermahnt zugleich. Die Tage danach war ich voller Unrast und hatte das unangenehme Gefühl, dass mich jemand mit strengem Blick auf Schritt und Tritt beobachten würde. Ich gönnte mir keinen Moment Ruhe. Im Eilverfahren fasste ich meine ausstehende Hausaufgabe fürs Studium ab, brütete so lange darüber, bis ich mir sagen konnte, sie ist okay, sendete sie ein, fühlte mich im selben Moment wie befreit und fragte mich, warum ich das so lange aufgeschoben hatte. War doch gar nicht so schwierig gewesen.  Noch am selben Tag fuhr ich zum Baumarkt, lud als erstes Farbroller, Malerband und Abdeckplane in meinen Einkaufswagen, warf einen kurzen Blick auf die Farbtafel, griff mir dann energisch einen Eimer mit zart gelber Farbe aus dem Regal und machte mich schnurstracks auf den Weg zur Kasse, ohne, wie sonst, noch genüßlich und trödelnd in den Schnäppchenkörben zu wühlen.

Zwei Tage später war unser Wohnzimmer in einem hübschen Sesam-gelb erstrahlt, die Decke weiß gestrichen, alle Möbel standen frisch gewienert wieder an ihrem Platz…ein völlig neues Wohngefühl. Meine Kinder fanden es toll und ich war stolz auf mich. Den Gedanken an meinen Gerümpel-Keller jedoch, den verbannte ich weiterhin aus meinen Gedanken. Denn erst einmal waren Sommerferien angesagt, die hatten wir uns verdient.

Doch schon bevor die Schule wieder los ging, holten mich die Worte unseres Herrn Pastors wieder ein. “Nicht drumherum gehen, sondern rein gehen”, hämmerten die Worte in meinem Kopf - jedes Mal, wenn ich das Untergeschoss unseres Mietshauses betrat um Wäsche auf- oder abzuhängen und es dabei bewusst vermied, einen Blick in die Richtung unseres Kellerraumes zu werfen.

Erst vor wenigen Wochen habe ich es geschafft, das Telefon in die Hand zu nehmen, die Nummer unseres Abfallbeseitungsunternehmens anzurufen um meinen Sperrmüll anzumelden. Das Gespräch dauerte zwei Minuten: Name, Adresse, in welchem Umfang ist der Sperrmüll, ist auch Holz- oder Elektromüll dabei…ihr Sperrmüll wird am…abgeholt…vielen Dank für ihren Anruf…auf Wiedersehen.

Nur zwei Minuten hat es gedauert, um in die Wege zu leiten, dass nervender Ballast aus längst vergangener Zeit endlich aus meinem Keller, und somit aus meinem Leben, veschwindet. Zwei Minuten, die mir das gute Gefühl verschafften, endlich gehandelt zu haben, anstatt nur unschlüssig auf der Stelle zu treten. Zwei Minuten die mir erst so recht bewusst machten, dass das Leben sich nur dann von der Stelle bewegt, wenn man nicht drumherum geht, sondern rein geht, durch geht. Und dass es tatsächlich wahr ist, dass sich eine neue Tür nur öffnet, wenn man eine andere vorher schließt. Abschließt. Abschließen kann, weil man dieses “Zimmer” durchschritten hat. Und hinter sich lassen kann. Sich weiter entwickeln kann. Anstatt immer nur im Kreis zu gehen und keinen Schritt voran zu kommen, weil man ständig nur drumherum geht um einen unbequemen Weg zu meiden. Sich damit letztendlich nur unnötig quält und wertvolle Zeit vergeudet.

Ich weiß nicht, ob ich die Worte unseres Herrn Pastors so aufgefasst habe, wie er sie verstanden haben wollte. Aber fest steht, er hat mir mit diesem Satz den Weg in eine Erkenntnis gezeigt, deren Tür ich mir bis dato selbst verschlossen hatte. Seit ich sie geöffnet habe, sehe ich das Leben aus einer anderen Sicht. Und “Nicht drumherum gehen, sondern rein gehen” - ist zu meinem Lebensmotto geworden.   

 

"Gedankensplitter" (Schreibübungen) and Geschichten14 Sep 2006 12:53 pm

“Komm mir nicht zu nah!”

“Warum?”

“Es könnte dich dein Leben kosten.”

“Ich glaube, du willst nur verhindern, dass ich mich auf einem deiner wunderschönen, roten Blütenblätter niederlasse!”

“Ja, genau. Denn du bist noch so jung. Noch viel zu jung, zum Sterben. Bleib weg, sag ich dir, komm nicht näher!”

“Quatschkopf”, lachte die kleine Fliege übermütig, “du bist die schönste Rose, die ich bisher in meinem kurzen Leben gesehen habe. Ich möchte riechen können, wie du duftest.” Setzte zum Flug an und landete zielsicher auf einem Blütenblatt. Und erschrak. “Hey, deine Blätter sind ja gar nicht weich, sondern hart wie Stein!”

“Na klar, sind sie nicht weich, ich bin nämlich keine Rose, man hat mich hier an die Wand geklebt, damit es so aussieht, als wäre ich eine Rose. Und wenn du an mir riechst, wirst du sterben. Hör auf mich, hau endlich ab!”

Der Fliege wurde es unheimlich zumute. Intuitiv hob sie ab. “Wieso siehst du aus, wie eine Rose, bist aber keine? Versteh ich nicht”, rief sie ihr aus sicherer Entfernung zu.

“Damit sich dumme Fliegen, wie du, von meiner Schönheit angezogen fühlen, sich auf mir niederlassen, die Dämpfe einatmen, mit denen ich getränkt bin, davon total müde werden, sich bald nicht mehr bewegen können und dann für immer einschlafen!”

Die kleine Fliege erschrak zutiefst. ” Du siehst also aus wie eine wunderschöne Rose, bist aber in Wahrheit ein Fliegentöter?”

Die Rose atmete erleichtert auf. “Genau. Endlich hast du es kapiert.”

“So eine Gemeinheit! Warum trachtest du uns nach dem Leben? Wir haben dir doch nichts getan!”

Die Rose wurde traurig. “Nimm es doch nicht persönlich, Kleine. Lieber würde ich selbst sterben, als euer Todesbote zu sein, glaube mir. Aber die Menschen sitzen nun mal am längeren Hebel. Ich hatte keine Chance. Ich wurde hier hin geklebt, um euch Fliegen auszurotten.”

“Aber, warum denn das? Wir haben den Menschen doch nichts getan?”

” Ihr seid lästig, ihr nervt. Und weil ihr euch so schnell vermehrt, seid ihr eine Plage für die Menschen. Manche Menschen haben so komische Dinger, mit denen sie auf euch herumhauen, um euch zu töten. Andere hängen so seltsame Streifen in den Raum, damit ihr daran kleben bleibt und qualvoll verendet. Und wieder andere hängen Rosen auf, wie mich. Und wenn du mich fragst, diese Menschen, die Rosen aufhängen, haben ein schlechtes Gewissen, weil sie euch töten. Darum kleben sie Rosen an die Wände. Denn durch die Dämpfe, die ihr einatmet, wenn ihr an uns schnuppert, müsst ihr wenigstens nicht qualvoll sterben, sondern schlaft ganz ruhig, für immer ein.”

“Also gibt es gute und böse Fliegentöter”, nickte die kleine Fliege verstehend. “Ich kann also froh sein, dass hier ein guter Fliegentöter wohnt, denn sonst hätte ich keine Chance gehabt, zu überleben. Oder?”

“Richtig, Kleine. Und wenn du noch eine Weile leben willst, dann rate ich dir, schnellstens hier zu verschwinden. Halte dich nur im Freien auf, fliege in keine Häuser mehr. Und lasse dich nie auf Menschen nieder. Lass sie einfach in Ruhe, dann lassen sie dich auch in Ruhe.”

“Das ist ein guter Tipp. So werde ich es machen. Danke!” Sie lächelte. “Und weißt du, was? Du bist total nett. Ein richtig guter Freund. Und darum, komme ich dich auch ab und zu besuchen, damit du hier nicht so alleine rumhängen musst.” Sagte es und schwirrte davon.

“Oh, nein! Bist du lebensmüde? Tu das nicht!” Aber die Fliege war schon außer Reichweite und konnte sie nicht mehr hören.

Die Rose seufzte schwer. ` Ach, ja…wenigstens habe ich es geschafft, dass die Kleine etwas vorsichtiger ist.”

Und ein leises Gefühl von Stolz erfüllte sie. Sie hatte schließlich alles versucht, um sie vor einem Unglück zu bewahren. Was die Kleine nun mit ihrem Leben anfing, musste sie alleine entscheiden. Das war nun mal der Lauf des Lebens.

 

  

 

Zitate/"Weisheiten"13 Sep 2006 11:59 am

Es wäre eine Freude zu leben

wenn jeder die Hälfte

von dem täte,

was er von den anderen erwartet…

 

( Schade, dass mir der Autor dieser kleinen Weisheit nicht bekannt ist, ich würde gerne wissen, was der sonst noch so “auf Lager” hat. )

 

"Unvollendete"12 Sep 2006 11:51 am

Kinderkrimi ( Anfang ) 

Das unheimliche Mietshaus  ( Arbeitstitel )   

                       1 –

Benji warf einen verächtlichen Blick über den Schulhof zur Pausenhalle, wo der neue Mitschüler an die Wand gelehnt stand um sein Pausenbrot zu essen. „Ich mag den Neuen nicht, der ist irgendwie arrogant“, sagte er und kräuselte ablehnend die Mundwinkel.

Tom folgte Benjis Blick und  nickte zustimmend. „Ja, find ich auch. Hält sich wohl für oberschlau! Und wie er alle paar Sekunden seine Brille zurecht rückt. Echt ätzend. Als wäre er der Herr Professor persönlich.“

„Und wie der angezogen ist! Fehlt nur noch ein Schlips auf dem Hemd und eine Aktentasche unterm Arm, dann sieht er in echt aus wie ein Professor.“ „Da hast du Recht“, prustete Tom laut lachend los. „Aber es sind ja bald Sommerferien“, sagte Benji vergnügt, „danach gehen wir beide zur Realschule und der geht zum Gymnasium. Dann sind wir ihn wieder los.“„Na, du vielleicht, aber ich nicht! Ich werde seinen Anblick  hin und wieder ertragen müssen. Mister Oberschlau wohnt nämlich in unserer Straße, hab ich gestern gesehen.“„Echt? Au Backe. Ich bedaure dich. Wo wohnt der denn?“ „In dem Mietshaus an der Ecke, das Haus mit den großen Fenstern, die so aussehen wie Türen“, erklärte Tom.

“Das mit den grünen Fensterrahmen?“ „Ja, genau das.”Die Schulglocke erklang, die Pause war beendet. Benji kickte lässig sein leer getrunkenes Trinkpäckchen in Richtung Abfalleimer. Dann schlossen sich die beiden schweigend den anderen Schülern an, die sich jetzt in Scharen auf den Schuleingang zu bewegten.

Sie hatten gerade die überdachte Pausenhalle erreicht, als eine laute tiefe Stimme hinter ihnen erklang.

„Benjamin Grüne?“

Benji zuckte zusammen. Diese Stimme war ihm wohl vertraut und ihr Klang verhieß nichts Gutes.

Mit einem zaghaften „Ja?“,drehte er sich  widerwillig um.                                                                                               

„Die Abfalleimer auf dem Schulhof sind dazu gedacht, dass man den Abfall in sie hineinwirft. Du verstehst?“

Klar, verstand er. „Ja, Herr Rektor Kolker“, grummelte er leise und bahnte sich mit hochrotem Kopf einen Weg durch die schaulustigen Schüler zurück zum Schulhof.

„Tja, das war ja wohl echt peinlich“, hörte er eine schnippische Stimme in seiner Nähe.

Benji blickte wütend zur Seite um Mister Oberschlau eine passende Antwort zu geben. Aber der hatte sich schnell in die Menge der Schüler gezwängt und warf ihm über die Schulter einen spöttischen Blick zu.

`Na warte´, dachte Benji, `dir werd ich es noch zeigen´, und stapfte wutentbrannt auf den Schulhof um, dem Wunsch von Herrn Rektor Kolker entsprechend, sein vor dem Abfalleimer liegendes Trinkpäckchen vorschriftsmäßig zu entsorgen.

 

„So ein Mist, der wird von seiner Mutter abgeholt!“ Enttäuscht darüber, dass er seine Rachepläne aufschieben musste riss sich Benji seine Baseball-Kappe vom Kopf und warf sie mit voller Wucht auf den Bürgersteig.

„Nun krieg dich mal wieder ein, den kriegen wir schon noch“, redete Tom ihm beruhigend zu. „wir wissen ja, wo er wohnt“. Er lächelte vielsagend, hob die Kappe vom Boden auf und drückte sie mit einem freundschaftlichen Klaps wieder in Benjis braunes, igelig gestyltes, Haar.

„Ja, du hast Recht!“ Augenblicklich verwandelte sich Benjis wütende Miene in ein Lächeln und seine graublauen Augen blitzten listig. „Hast du heute Nachmittag schon was vor?“

Tom verstand sofort. „Nein, hab ich nicht“, grinste er erwartungsvoll, „wenn du magst, kannst du zu mir zum Spielen kommen. Wir könnten dann auf der Straße Ball spielen.“

Benji grinste zurück. “Ja, genau! Und hätten so die ganze Straße im Blickfeld. Und wenn er das Haus verlässt könnten wir ihn verfolgen!”

 „Und dann schnappen wir ihn uns!“

Begeistert von ihrer Idee, klatschten sie ihre rechten Handflächen ineinander und verabredeten sich für fünfzehn Uhr am Nachmittag. Dann trat jeder für sich seinen Weg nach Hause an.

 

 

Als Benji am Nachmittag in die Breslauer Straße einbog  traute er seinen Augen nicht: Zwei Polizeiwagen und ein Rettungswagen standen vor dem Mietshaus mit den grünen Fensterrahmen. Auf der Straße standen überall Leute und tuschelten aufgeregt miteinander. Mitten drin entdeckte er Tom. Benji stieg vom Rad und schob es durch die Menschenmenge, bis er ihn erreicht hatte.„Hey Tom, was ist denn hier los?“, fragte er neugierig.

„Vor dem Haus wurde eine tote Frau gefunden“, flüsterte Tom aufgeregt. „Sie ist aus einem Fenster aus dem Mietshaus gefallen, aber ich hab noch nichts gehört darüber, ob sie unglücklich gestürzt oder, ob sie gesprungen ist, um sich umzubringen.” 

„Ist ja irre, wie im Krimi!“, rief Benji aufgeregt, „vielleicht ist sie von jemandem aus dem Fenster gestoßen worden, dann wäre es ein echter Mordfall!“

„Daran hab ich noch gar nicht gedacht!“, rief Tom entsetzt und schüttelte sich beängstigt. „Komm, lass uns lieber zu uns nach Hause gehen.“

„Bist du verrückt? Das ist doch echt spannend hier. Ich gehe hier nicht weg, bevor ich  weiß, was passiert ist.“ „Das ist doch Blödsinn, Benji! Die Polizei wird keinem hier erzählen, was sie herausgefunden hat.”  Benji runzelte nachdenklich die Stirn. Dann erhellte sich urplötzlich sein sommersprossiges Gesicht. „Und wenn wir Mister Oberschlau fragen? Der wohnt doch in diesem Mietshaus und weiß bestimmt irgendwas darüber, was hier passiert ist!“ „Du willst dich doch wohl nicht mit deeem unterhalten!“, rief Tom ungläubig.„Warum nicht, wenn es der Sache dient? Außerdem hat der sowieso noch eine Rechnung bei mir offen, von heute Morgen. Da ist es ja wohl das Mindeste, wenn er dafür mit ein paar Infos rausrückt. Komm Tom, wir suchen ihn, und dann nehmen wir ihn mal ordentlich in die Mangel.“Sie spürten ihn neben dem Hauseingang auf. Er stand ganz alleine, abseits vom Geschehen, mit dem Rücken fest an ein Garagentor gedrückt. Sein Gesicht war so weiß wie Schnee, seine grünen Augen blickten seltsam leblos durch seine Brillengläser, wie erstarrt.    ………..  ………..   ………..    ………..      ………..         

………..             

      

   

 

Zitate/"Weisheiten"11 Sep 2006 12:36 pm

Zuweilen möchte man sterben

aber nicht

für immer tot sein

 

( Diesen Spruch habe ich in meiner Jugend irgendwo gehört, gelesen, ich weiß nicht mehr wann und wo, weiß leider auch nicht, von welchem Autor er stammt. Eine bemerkenswerte, erwähnenswerte kleine Weisheit, finde ich. ) 

 

"Unvollendete"10 Sep 2006 02:36 pm

Was mich immer wieder peinigt, sind Schreib-Projekte, die ich irgendwann einmal begonnen und dann abgebrochen habe. Denn ich hasse es, etwas anzufangen, aber nicht zu Ende zu bringen. Es belastet mich, fühlt sich an wie qualvoller Ballast, der, um so länger ich ihn vor mir herschiebe, zu einem stetig wachsenden Berg wird.

Darum habe ich mich dazu entschlossen, für meine “Unvollendeten” eine extra Kategorie aufzuführen. Für den Leser zwar vermutlich nicht interessant, da es nur Roman-Anfänge sind, ohne Aufschluss darüber, wie das Ganze enden wird - aber für mich selbst verspreche ich mir davon, dass mich diese Kategorie einen Schritt nach vorne bringt. Einen Schritt weiter in punkto: Selbstdisziplin. Denn da hapert es ein wenig bei mir. Und wenn ich hier, in meinem Blog, Tag für Tag mit der Nase auf meine “Unvollendeten” gestoßen werde, vielleicht bewirkt das ja letztendlich, dass ich mich irgendwann einmal hinsetze und das Begonnene endlich fortführe? Ich hoffe es. Denn es nervt total, Unvollendetes vor sich her zu schieben. 

So, dann schau´n wer mal, was sich in meiner “Schublade” so tummelt… an Begonnenem und nicht zu Ende Geführtem…

……Seufzzz…….  

Alltag and Geschichten09 Sep 2006 02:15 pm

               Verbotene Früchte

Waschpulver, Milch, Cornflakes, Nutella, Fleisch. Irgendwas fehlte noch. Zu blöd, dass sie schon wieder ihren Einkaufszettel zu Hause hatte liegen lassen. Ach, ja, Nudeln fehlten noch! Hektisch schob Ruth ihren Einkaufswagen durch die Gänge und steuerte gezielt auf das Teigwarenregal zu. Spirelli oder Penne? Unentschlossen packte sie von beiden Nudelsorten je ein Paket in ihren Korb und wollte sich schnurstracks auf den Weg zur Kasse machen, als sie eine vertraute, prickelnde Wärme in ihrem Rücken spürte. Wie erstarrt blieb sie stehen.Ihr Herz pochte laut, ihr Atem beschleunigte sich. Ganz langsam drehte sie sich um und saugte dann seinen Anblick in sich auf, seine athletische Figur ebenso wie seine vor Freude strahlenden Augen, die ihr bis in ihre Seele zu sehen schienen.„Hallo“, sagte er.  „Hallo“, sagte sie.

Sie lächelten sich kurz an. Stumm. Wie zwei Verbündete, die keine weiteren Worte brauchen, um sich zu verstehen. Dann drehte er sich abrupt um und bog in den nächsten Gang ein.

Ihr Herz raste. Ihre Hände zitterten. Ziellos irrte sie eine Weile durch die Gänge um ihre Sinne zu beruhigen. Wartete ab, bis sie sich wieder im Griff hatte und machte sich dann langsam auf den Weg zur Kasse.Sie sah die beiden schon von weitem. Ihn – und seine Frau. Sie verließ gerade mit dem Einkaufswagen den Kassenraum. Er stand noch an der Kasse und bezahlte die Rechnung. Ruth sah ihm dabei zu, wie er sein Portemonnaie mit langsamer Bewegung in seine Hosentasche steckte und dabei  flüchtig seinen Blick über die wartenden Kunden an den Kassen gleiten ließ. Auch wenn sein Blick, scheinbar, über sie hinweg glitt, so hatte sie doch das Blitzen in seinen Augen bemerkt. Es hatte ihr gegolten. Sie wusste es. Und er wusste es. Sonst wusste es niemand. Es durfte niemand wissen. Zu schlimm wären die Auswirkungen auf ihrer beider Leben, wenn jemand von ihrem Geheimnis erfuhr. Von dem, was mit ihnen beiden geschehen war,  vor einigen Wochen, am Rosenmontag, am späten Abend, im dunklen Hinterhof der Dorfschänke. Die Leidenschaft hatte sie beide überfallen, wie ein Wolkenbruch. Sie hatten keine Chance gehabt, sich dagegen zu wehren, hatten sich fallen lassen in diesen Strudel voller Gefühle von denen sie Stunden zuvor noch nichts geahnt hatten. Sie ließen einfach geschehen, was mit ihnen passierte. Und  bereuten nichts. Ruth lächelte versonnen. Dann packte sie ihre Einkäufe vom Einkaufswagen auf das Laufband und legte großzügig auch noch einige Schokoriegel für ihre Kinder, sowie zwei Packungen Zigaretten für ihren Mann mit dazu. Und ließ ihrem gewohnten Leben wieder seinen Lauf.   
 

 

 

Zitate/"Weisheiten"09 Sep 2006 01:11 pm

Zeit ist keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab,

sondern Platz

zum Parken in der Sonne.

( aus Phil Bosmans “Vergiß die Freude nicht” )

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Protein Whey
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